Gelb vs. Rot: Wird Boßeln olympisch?
Jahresmatch des Langeooger Boßelclubs „van’t Pad aff“ im Januar 2026
Wahrer Sport läuft jenseits der großen Stadien. Der ostfriesische Nationalsport Boßeln etwa rollt die Straße entlang. „On the road again“ war Ende Januar auch „van’t Pad aff“, Langeoogs wohl älteste aktive Boßelgruppe abseits des Punktspielbetriebs. Ihr diesjähriges Spielprotokoll, mit einem Augenzwinkern zu lesen, belegt: Die Boßelcombo hegt olympische Ambitionen … Wat dem Amerikaner sien Football, dat is dem Ostfreesen sien Boßeln. Vielleicht haben wir ja – mit Grog und Butterkuchen – die etwas verhaltenere Halbzeitshow. Aber rein sportlich betrachtet schielt der US-Superbowl schon recht neidvoll auf das „Langeooger Super-Boßeln“ – diesmal am 31. Januar 2026.
Bereits Tage vor diesem global größten sportlichen Event machten sich die Käkler und Mäkler auf zum größten Stadion der Welt. Allein die Ostkurve am Seedeich fasst 100.000 Zuschauer, sie war bereits seit Wochen ausverkauft. Und das, obwohl der Sender Sky den mutmaßlich 126. Boßel-Battle zwischen „Rot“ und „Gelb“ in geschätzt 160 Länder live übertrug.
Die beiden Teams …
waren sorgfältig ausgewählt: Auch in diesem Jahr wurden aus Zehntausenden von Bewerbern nur die besten 16 genommen. Die Qualifikation war hart, fair und parteiisch. Und durchgesetzt haben sich zumeist wieder die Helden der Vergangenheit. Es gab aber auch Überraschungen.
Der „Global Head of Boßel“ Dirk Dollmann hatte als langjähriger „Captain Red“ diesmal ein Team aufgestellt, das so noch nie zusammengespielt hatte. Ein Wagnis mit Folgen.
Die Mannschaft bestand aus dem letztjährigen Meister Carsten Dörr, dem „Straßenhobel von Rastede“, und seiner Frau Katrin, die für ihre filigrane Kurventaktik international gefürchtet ist. Gleichfalls zum Gerüst dieser ambitionierten Mannschaft gehörten selbstverständlich wieder die „Braunschweiger Schwinge“ Jens „Mäc“ Hapke, der „Deichgraf“ Hauke Krebs, der nachweislich in Bremen an seiner ganz eigenen Seedeichtechnik gearbeitet hat, von der sich Tochter Neeltje nicht minder beeindrucken ließ, sowie zwei Debütantinnen.
Denn das rheinische Zweigestirn aus „Boßel-Loreley“ Eva und Thorsten „Nüßi“ Neehuis vom Landesverband Mittelrhein wurde durch das Ausnahmetalent Anne Ostermann adäquat vertreten. Und Lokalmatadorin Suntje Krebs ließ es sich nach erfolgreicher Qualifikation nicht nehmen, ihrem Bruder Hauke ein wenig Langeooger Boßeltechnik näherzubringen.
Team „Gelb“ …
um Captain Deff Westerkamp musste in diesem Jahr einen herben Ausfall verkraften: Jörg „The Hammer“ Lühring saß mit Ermüdungsbruch im Daumen zuhause in Hamburg und ließ sich vom HSV den Daumen und die Seele streicheln.
Wieder mit dabei war Karina Ziersch, die Cäciliengroder Schleuder, die ihren Boßelarm erfolgreich auskuriert hatte. Boßel-Queen Sonja Dollmann konnte nach ihrem letztjährigen Überraschungsbesuch im Buckingham Palace in diesem Jahr wieder nahtlos an frühere Leistungen im Team „Gelb“ anknüpfen, ebenso ihr Boßel-Abakus Mia.
Die Massen waren schier aus dem Häuschen, als er, der „Marco Polo des Friesensports“, nach Jahrzehnten in der Diaspora die Boßelkugel wieder auf heimatlichem Pflaster malträtieren konnte: Gustav Ostermann, dessen Würfe ein ums andere Mal den Schneewehen oder den eigenen Nerven zum Opfer fielen, wurde trotz Leistungsschwankungen frenetisch gefeiert. „Över’t Duumen“ ist Hajo Sanders’ Spezialität. Beim „Boßel-Vivaldi“ aus Amsterdam stimmten auch in diesem Jahr Takt, Technik und Rhythmus. Präzise wie ein Metronom flogen die Kugeln den Deich entlang.
Um die Lücke von „The Hammer“ kurzfristig zu schließen, wurde auf dem internationalen Transfermarkt der neue Shootingstar Torsten Meyer verpflichtet, Für den Boßel-Grandslam fehlte ihm, nach dem holländischen „Elfsteden-Kloot“, dem arktischen „Round-Spitzbergen“ und dem jütländischen „Coast to Coast“, nur noch der Titel auf Langeoog. Da es zur vollkommenen Ausgewogenheit des Teams noch eines Bausteins bedurfte, hatte Carlotta die Ehre, spielentscheidend an ihrem nächsten Titel zu arbeiten.
Der Startort …
wurde in diesem Jahr vom Hotel „Norderriff“ zu „Locke“ an der Willrath-Dreesen-Straße verlegt. Wenigstens die Startzeit war diesmal einvernehmlich. Die äußeren Umstände waren eine Herausforderung für alle Spitzenboßler: Eis und Schnee brachten so manchen Akteur an seine Grenzen und weit darüber hinaus. Es sollte von Anbeginn eine einzige Schlitterpartie werden. Das Schlimmste jedoch stand allen noch bevor.
Team „Gelb“ konnte anfangs nicht an seine letztjährige grandiose Leistung anknüpfen – jeder Wurf landete in einer Schneewehe, keine Kugel ging „över’t Duumen“. Leistungsträger standen neben sich und so rächte es sich, das Wintertrainingslager nach Lanzarote und nicht nach Grönland verlegt zu haben. Die Herausforderer um „Captain Red“ kamen von Beginn an besser mit den meteorologischen Widrigkeiten zu recht und lagen schnell 3:1 vorn. Die gelben Vorjahressieger konnten sich wenigstens mit einem nur kleinen Rückstand in die Pause retten.
Gegen steifen Wind hilft steifer Grog, so eine alte Boßelweisheit. Nicht nur der Tradition, sondern auch der Siegesserie verpflichtet, gossen sich die „Gelben“ wohl den ein oder anderen Grog mehr ein. Im Anschluss konnten die „Roten“ das Spiel noch einigermaßen ausgeglichen gestalten, aber spätestens ab der Hälfte der Strecke übernahm die „Gelben“ das Geschehen. Der Rum verlieh ihnen nicht nur Flügel, jetzt kam auch noch Fritz-Walter-Wetter hinzu.
Gefrierender Regen …
setzte ein und die „Roten“ verloren nicht nur ihren Faden, sondern auch Schött um Schött. Leistungsträger brachen völlig ein, kollektives Versagen machte sich breit. Während die „Gelben“ sich in ihrer typischen Siegermentalität nicht vom Wetter beeinträchtigen ließen, gab es auf der anderen Seite sportliche Auflösungserscheinungen.
So stand es am Ende 11:5 für die „Gelben“, die auch in diesem Jahr den Boßel-Weltpokal entgegennahmen, diesmal aus den Händen der legendären Eiskunstkäuferin Kati Witt. Und während im „In’t Dörp“ bei Grünkohl und Bier noch munter gefeiert wurde, sickerte die frohe Kunde durch, dass das geplante Boßel-Indoor-Zentrum (BIZ) im Pirolatal endlich vom IOC genehmigt wurde und alpines Boßeln somit wohl demnächst olympisch wird.
Das freute vor allem die „Roten“. Denn bei ihnen steht der olympische Gedanke („Nicht siegen, dabei sein ist wichtig“) bereits seit Jahren im Vordergrund … -Deff Westerkamp-
