Archiv der Kategorie: Inselgeschichten

„Die Kehle muss gut geölt werden“

„Strandkorb“-Interview mit Herbert Burmester, 
dem Leiter des Dünensingens 

Er singt im Langeoog-Chor „De Likedeeler“, spielt Akkordeon und leitet seit 2003 das beliebte Dünensingen auf der Insel – Herbert Burmester. Auf seinem E-Bike fährt er mit Akkordeon und Verstärker im Fahrradanhänger noch bis Mitte Oktober dienstags ins Dünental zwischen Wasserturm und Hauptbad. Dieses Jahr wird der gebürtige Wilhelmshavener 83. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Was bedeutet Ihnen Musik? 
Musik ist gut für die Leute und für mich auch. Musik ist gut für die Seele und beruhigt. Beim Dünensingen machen wir Volksmusik, in Schulen wird diese, denke ich, nicht mehr unterrichtet. Wir verbreiten das weiter. Es ist schön, wenn ein Kind zu mir kommt und fragt: „Machst du heute wieder ,Wir lagen vor Madagaskar’?“

Seit wann spielen Sie Akkordeon?
Ich war Anfang, Mitte 30 als ich die Chance hatte, ein gebrauchtes Akkordeon zu kaufen. Das Spielen habe ich mir alleine beigebracht. „Hänschen klein“ habe ich rauf und runter gespielt. So fing das an. Ich brauche keine Noten. Ich habe nach Gehör gelernt. Aus dem Bauch raus. Musik liegt ein wenig in den Genen. Meine Mutter hat gesungen, ein Instrument konnte sie sich nicht leisten. Das war damals richtig teuer.

Wie sind Sie zum Dünensingen gekommen? 
Das Dünensingen gibt es seit fast 60 Jahren. Mein Vorgänger spielte Gitarre, bei schlechtem Wetter musste es dann immer ausfallen. Das war anscheinend recht häufig. Wir kamen ins Gespräch und dann ging es ganz schnell. Nächstes Jahr mache ich es seit 20 Jahren.
Am Anfang fand das Dünensingen noch in einer Mulde statt. Ich stand in der Mitte und die Leute drumherum. Ich bin damals zwischen den Leuten gelaufen, damit jeder was hören konnte, sie saßen da ja nicht eng zusammen. Mein großes Akkordeon wiegt 30 Kilo, das kleine 25. Da sagte ich mir, das musst du anders machen und besorgte mir eine Box mit Lautsprecher.

Wie hat sich das Dünensingen im Laufe der Jahre entwickelt? 
Sehr gut. Es hat sich bei den Gästen rumgesprochen. Die Resonanz ist gewaltig geworden. Es wird auch gut beworben, vielleicht war das damals nicht so ausgeprägt.

Wie gehen Sie bei der Auswahl der Lieder vor? 
Es gibt das Langeooger Liederbuch. Das wird gerade neu gemacht. 50 Lieder sind dann dabei. Das Dünensingen dauert eine Stunde, da können wir um die 20 Lieder singen. Viele sind Lale-Andersen-Lieder, da warten die Leute auch drauf.
Zwei schnelle und dann drei langsame Lieder zum Runterkommen im Wechsel. Die Lieder sind nummeriert. Wir fangen immer mit „Hoch auf dem gelben Wagen“ an, dann kommt „Eine Seefahrt, die ist lustig“ und als drittes ein Seemannslieder-Potpourri.
Mein Lieblingslied ist „Wo die Nordseewellen…“ – das ist sehr bekannt, kennen alle, sogar die Bayern und es gibt sogar eine kölsche Version. Ein, zwei Lieder für Kinder sind jedes Mal auch dabei. Und am Schluss kommt immer „Lili Marleen“ von Lale Andersen.

Was ist das für Sie Besondere am Dünensingen? 
Im Sommer ist die Stimmung einzigartig! 600, 700 Leute kommen in der Hochsaison, mit Polsterkissen und Wolldecken. Vor Corona waren 180 Kinder dabei. Das weiß ich so genau, da ich einen Sponsor für kleine Päckchen Süßigkeiten habe und an dem Tag genau 180 Päckchen dabeihatte, die dann alle weg waren. Manche Gäste sagen, dass sie nur auf die Insel kommen, weil es das Dünensingen gibt. Ob das der alleinige Grund ist… Es freut mich natürlich. Und am schönsten ist es, wenn die Sonne scheint!
Dann gibt es auch lustige Begebenheiten: Ein Gast brachte mal seine Gitarre mit. Zwölf Saiten hatte diese. Zehn rissen während des Spielens ab. Aber er hat immer weitergemacht. Oder die zwei kleinen Jungs mit ihren aufblasbaren Gitarren, die sie nicht spielen konnten, aber die sich dann damit gekloppt haben.

Wie haben Sie die Corona-Zeit auf der Insel erlebt? 
Das Dünensingen war ja nicht möglich. Zusammen mit Eva Funke, sie ist auch im Chor „De Likedeeler“ und spielt seit fünf Jahren Akkordeon beim Dünensingen, habe ich für soziale Einrichtungen musiziert und Spenden gesammelt. Letztes Jahr für das Ahrtal. Wir haben auch für die Stiftung der Inselkirche „Musik auf Langeoog“ gespendet, für das Jugendhaus, die DGzRS. Einmal die Woche machen wir das weiterhin, wenn es nicht regnet und zu kalt ist.
Im letzten Jahr haben wir dann, statt des Dünensingens, Musik für Gäste, die hier waren, im Ortskern gespielt. Wenn die Leute Musik hören, bleiben sie stehen. Ans Abstandhalten mussten wir dann erinnern. Viele Genehmigungen brauchte es auch.

Sie sind gebürtig aus Wilhelmshaven. 
Wie kam es, dass Sie auf die Insel gezogen sind? 
Ich habe 30 Jahre in Wilhelmshaven in einer Maschinenbaufirma gearbeitet. Als diese Insolvenz anmelden musste, habe ich nach einer neuen Stelle gesucht. In einem Radio-Spot habe ich gehört: „Auf Langeoog wird ein Fahrradmechaniker gesucht“ – da habe ich mich bei dem Verleih beworben. Als ich mich dort vorstellte, hieß es: „Sie können gleich hierbleiben!“ Das war 1997. So bin ich dann hier gelandet.

Wie hat sich die Insel im Laufe der Jahrzehnte ­verändert? 
Baulich hat sich einiges verändert, aber so lange es im Rahmen bleibt, ist es in Ordnung. Es ist nichts Extravagantes entstanden.

Was bedeutet Ihnen Langeoog? 
Der Slogan der Insel ist: „Die Insel fürs Leben“. Das ist sie auch. Ich habe alle anderen ostfriesischen Inseln gesehen, mit dem Chor sind wir immer auf einer anderen gewesen. Sie gefallen mir auch, außer die Inseln auf denen Autos fahren. Jede Insel hat ihr Flair. Hier ist es am schönsten.

Haben Sie ein Lebensmotto? 
Die Kehle muss gut geölt werden. Am besten ist klares Wasser, nix Süßes. Ich hoffe, ich kann das Dünensingen noch ein paar Jährchen machen. So lange es mir gut geht, kann es noch eine Weile so bleiben.

Wo ist Ihr Lieblingsort auf der Insel? 
Langeoog ist ein Ort. Ein großer Ort.
Und auch der Balkon, der zu unserer Wohnung gehört, ist einer meiner Lieblingsorte. Ich bin ein Blumenfreund. Auf Langeoog sammle ich gerne Holunder- und Brombeeren – wo verrate ich aber nicht! Daraus mache ich dann Marmeladen, die ich verschenke, aber auch für mich selbst.

Was wünschen Sie sich für Langeoog? 
Dass viele Gäste kommen und auch viele mit Kindern, die gehören dazu. Ansonsten: gutes Wetter, aber das wünschen wir uns ja alle.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Sie!

-jeg-

Langeooger Dünensingen 
Das Dünensingen mit Herbert Burmester und Eva Funke findet noch bis Mitte Oktober jeden Dienstag im Dünental unterhalb des Wasserturms statt. Bei Regen wird unter dem Dach vor der Apotheke gesungen. Beginn ist noch bis einschließlich 9. August um 20 Uhr.

„Kino war schon immer mein Baby“

Nach zwei Jahren coronabedingter Schließung 
hat das „Windlicht“ Kino wieder geöffnet 

Casablanca, Fluch der Karibik, Pippi Langstrumpf – Kinoplakate und Fotos von Schauspielern in allen Größen hängen an den Wänden im Bistro des „Windlicht“, dem Kino-Restaurant Langeoogs. Früher diente der Raum als Kinosaal. Früher, das war 1972. Damals erwarben Stephanie Meeskes Eltern das Haus von der Tante ihrer Mutter. Sie hatten zuvor das Kino in der Barkhausstraße geleitet. „Hier machten sie dann ihr eigenes Kino und Restaurant auf“, sagt Stephanie Meeske, die zusammen mit ihrem Mann Olaf das „Windlicht“ betreibt.

Kino-Leidenschaft vom Vater 
Im Laufe der Jahre wurde immer wieder an- und umgebaut. Eine überdachte Terrasse kam hinzu, das Restaurant im Wintergarten. Jahrzehntelang gab es einen großen und einen kleinen Kinosaal. „In den letzten zwei Jahren hatten wir das Kino komplett zu gehabt“, blickt Stephanie Meeske auf die coronabedingte Schließung zurück. Jetzt haben sie wieder auf. „Wir haben uns entschieden, den kleinen Kinosaal nicht mehr zu nutzen, aber im großen Saal können wir endlich wieder Filme zeigen“, so die gelernte Hotelfachfrau.
„Kino war schon immer mein Baby“, sagt sie. Die Leidenschaft hat sie von ihrem Vater. „Er hat mir das Kino in die Schuhe geschoben. Ich bin im Haus groß geworden. Als Kind habe ich mit meinem Vater am 35-mm-Film gespielt. Hier sind Erinnerungen an meine Eltern und Großeltern.“
Ihr Vater habe immer zu ihr gesagt: „Du musst dir einen Ehemann suchen, der Koch ist und auf der Insel leben mag.“ Dass es dann so kam, damit hätte sie nicht gerechnet. 1991 lernten sie sich kennen. Ihr Mann, der als Koch eine Weile in der Schweiz gearbeitet hat, habe damals gar nicht gewusst, dass es eine autofreie Insel in Deutschland gibt. „Du nimmst mich doch auf den Arm, hatte er gesagt“, erinnert sie sich. 2021 feierten sie ihre Silberne Hochzeit.
Sechs Tage die Woche haben Restaurant und Kino geöffnet. Die Kinovorführungen macht Stephanie Meeske. „Wir zeigen Mainstreamfilme gemixt mit Arthouse. Alle zwei Tage ist Programmwechsel. Ein Kinderfilm ist immer dabei“, sagt sie. 90 Plätze hat der Kinosaal. „Wir zeigen den Film aber auch, wenn nur eine Person im Saal wäre.“ 2011 sind sie weg von der Filmrolle auf die digitale Technik umgestiegen. „Das ist deutlich einfacher“, so Meeske. In naher Zukunft wollen sie auf Download umsteigen. An die Zeit der Filmprojektoren erinnert das Kinofoyer: mehrere alte Projektoren sind in diesem ausgestellt.

Popcorn, Nachos und Reibekuchen
Im Bistro steht die Popcornmaschine, Nachos, Eis und Getränke werden für die Filmvorführungen ebenfalls angeboten. Im Restaurant haben sie neben der Abendkarte eine feste Karte fürs Mittagessen – jeden Tag ein anderes Gericht. „Schon immer gibt es donnerstagmittags Reibekuchen“, sagt Stephanie Meeske. Mittwochs ist ihr Ruhetag, da schälen sie und ihr Mann dann Kartoffeln. „30 bis 40 Kilo Kartoffeln sind es.“ Zum Schälen brauchen sie etwa eineinhalb Stunden.
Welchen Film Stephanie Meeske am liebsten schaut, wenn sie mal Zeit hat? „Club der toten Dichter“, sagt sie. „Den kann ich mir immer wieder angucken!“

-jeg-

Kino-Restaurant „Windlicht“
Am Hospizplatz 7 | 26465 Langeoog
Telefon: 049 72 – 92 250
E-Mail: info@windlicht-langeoog.de

 

Ein Herz aus Tulpen für den guten Zweck

Schulgarten-AG der Inselschule verschönert Schulhof

Wetterfest in Matschhose und Regenjacke eingepackt, schaufeln die zehn Kinder im Nieselregen Kiesel, Sand und alte Erde aus den Pflanzsteinen, die rund um das Klettergerüst der Langeooger Inselschule aufgestellt sind. In ihrer Schulgarten-AG sind die Fünftklässler normalerweise zu elft, aber heute ist eine ihrer Mitschülerinnen krank. Wenn keine Ferien sind, treffen sie sich immer mittwochnachmittags, um ihren Schulgarten zu pflegen und zu vergrößern, denn auch die Verschönerung ihres Schulhofs gehört dazu: In die Pflanzsteine kommt frische Erde; Stockrosen- und Ringelblumen-Samen werden in ihnen ausgesät. Vereinzelte Farbtupfer gibt es jetzt im April schon zu sehen. Die Kinder der Garten-AG, ihre Lehrerin Kirsten Rottmann, Antje Julius und Nadine Wilts aus der Elternschaft pflanzten insgesamt 1.980 Tulpenzwiebeln ein.

Tulpenherz aus 480 Zwiebeln
Vor der Schule, auf der Seite zur Kirchstraße, haben sie im Rahmen der Aktion „Grünes Herz für Niedersachsen – 75 Jahre Niedersachsen“ zur Förderung der Artenvielfalt aus 480 Tulpenzwiebeln ein Herz aus Tulpen angelegt. Die Tulpenzwiebeln selbst und auch die anderen 1.500 Stück, die im Schulgarten gepflanzt wurden, seien eine Spende aus der bundesweiten Aktion „Tulpen für Brot“, an der sich die Schulgarten-AG auch in diesem Jahr wieder beteilige, erzählt Kirsten Rottmann. Die Aktion ist von Kindern für Kinder, die mit der Bepflanzung und dem späteren Verkauf der Tulpen verschiedene Organisationen unterstützen. 2021 und auch 2022 sind es BOS Deutschland, die zwei Rettungszentren auf Borneo für Orang-Utans betreiben, die Deutsche Welthungerhilfe und die Deutsche KinderKrebshilfe. Der Verkauf der Tulpen der Schulgarten-AG startet nach den Osterferien über das Blumenhaus Peters, das, wie schon im Jahr zuvor, als Kooperationspartner gewonnen werden konnte.

Geschenke vom Langeooger Kleingärtnerverein
Ein besonderes Geschenk bekam die Schulgarten-AG durch ihren Kooperationspartner, den Langeooger Kleingärtnerverein „Am Wald“ Langeoog e. V., Anfang April: Frank Wißbrock (Vorsitzender) und Till Martin Peters überreichten im Namen des Vereins der Schule ein neues Hochbeet mit Frühbeetaufsatz.

Willrath Dreesen – der Literat unter den Bürgermeistern Langeoogs

Ein facettenreiches Leben: Schriftsteller, Verlagsleiter, Organisator der ersten ostfriesischen Dichtertagung
Nicht nur Langeoog hat Willrath Dreesen viel zu verdanken, sondern auch die Literatur. Denn der Mann, der von 1924 bis 1928 als Bürgermeister und später als Kurdirektor erfolgreich die Geschicke der Insel lenkte, war im Grunde seines Herzens ein Schriftsteller. Lyrik, Prosa und Dramen prägten sein Leben in jungen Jahren. Und dann wieder ganz spät im Alter, als er nach einem bewegten Leben, das von zwei Weltkriegen geprägt war, mit 70 Jahren als Pensionär nach Langeoog zurückkehrte und für kurze Zeit nochmals Kurdirektor der Insel wurde.
Wegweisende Entscheidungen
Man könnte viel über den Politiker Dreesen schreiben, der in den 1920er-Jahren an der Spitze der Verwaltung wegweisende Entscheidungen für die Insel traf: Die Gemeinde übernahm damals selbst das Tourismusgeschäft und wurde ebenfalls zum Betreiber der Schifffahrt. Zwei Dinge, die bis heute noch Bestand haben in den zwei Eigenbetrieben der Insel – und einen Bürgermeister auf Langeoog immer auch zum Betriebsleiter zweier Unternehmen machen.
„Für mich ist der politische Willrath Dreesen bis heute eine Ikone, weil er Meilensteine der Inselgeschichte geschrieben hat“, so Hendrik Tongers von der Historikerfamilie der Insel, der sich ausführlich mit dessen Wirken beschäftigt hat und, selbst langjähriges Ratsmitglied, viel über die Auseinandersetzungen Dreesens mit diesem Gremium weiß. Diese führten 1928 zur Amtsniederlegung von Dreesen und nachfolgend zu einem öffentlichen Schlagabtausch der politischen Gegner.
Studien- und Wanderjahre
Im Mittelpunkt dieses Beitrags soll jedoch der die Literatur ­liebende und schreibende Willrath Dreesen stehen. Er war Ostfriese, am 14. Mai 1878 als Sohn eines Kolonialwarenhändlers in Norden geboren. Nach dem Abitur zog es ihn 1898 zum Theologiestudium nach Göttingen, dann nach Marburg, Basel und schließlich Bonn. Dort beschloss er 1902 Germanistik, ­Philosophie und Literaturgeschichte zu studieren. 1905 promovierte er mit einer Arbeit über Theodor Storm. Um den ­Lebensunterhalt für sich und seine kleine Familie zu bestreiten (er hatte 1907 geheiratet und einen kleinen Sohn bekommen), unterrichtete er als Lehrer am Pädagogicum in Godesberg und machte Vortragsreisen. 1913 wurde er Lektor für Sprechkunst und Ästhetik an der Universität Frankfurt/Main.
In diesen Jahren des frühen 20. Jahrhunderts entstanden seine wichtigsten literarischen Werke: „Meer, Marsch und Leben“ (1904), ein von Storm inspirierter Gedichtband; „Eala freya ­fresena“ (1906), ein Buch mit Balladen über die Zeit der ost­friesischen Häuptlinge, das ihn bekannt macht. 1910 kommen gleichzeitig ein Drama, „Sturmflut“, der erfolgreiche Roman „Ebba Hüsing“ und ein Band „Gedichte“ von ihm heraus. Mehr als vierzig Jahre sollte es dann dauern, bis seine Witwe 1953 posthum unter dem Titel „Eisvogel“ sein Spätwerk veröffentlicht, einen Band mit 47 Gedichten.
1914 ist ein entscheidendes Jahr für den 36-jährigen Dreesen. Er verbringt den Inselfrühling auf Langeoog im „Haus Pogg­fred“, dem Haus der Familie seiner späteren, zweiten Ehefrau Maria Kugel. Mit der Fabrikantentochter, die er nach seiner Scheidung 1919 heiratet, wird er einen weiteren Sohn und eine Tochter haben.
Über diese Monate im April und Mai 1914 schreibt er ganz ­bezaubernd in einem Sonderabdruck. Der Beitrag mit dem Titel „Inselfrühling“ erscheint in der Pfingstnummer des Literatur- und Unterhaltungsblatts der „Kölnischen Zeitung“ vom 31. Mai. Noch ist Frieden, und sein Text quillt über vor Glück und dem paradiesischen Zustand, den ihm das Erwachen der Natur vermittelt. Nur wenige Monate später geht es für ihn in den Ersten Weltkrieg.
Zwischen Langeoog und Leipzig
Danach wird alles anders sein. Neben den privaten Änderungen im Leben zieht es ihn 1919 nach Leipzig zum bekannten Reclam Verlag. Über seine Funktion dort gibt es unterschiedliche Angaben: Redakteur, Lektor, Verlagsdirektor. In dieser leitenden Rolle mag er wohl ausgeschieden sein.
Denn 1924 zieht es ihn als neuen Gemeindevorsteher nach Langeoog. 1926 errichtet er sich sein kleines Refugium in den Dünen oberhalb der heutigen, nach ihm benannten „Willrath-Dreesen-Straße“ – der Verlängerung der Barkhausenstraße, die bis hinaus zum Deichschart läuft. Es diente ihm in seinen Langeooger Jahren als „Schreibklause“, als stiller Ort des Rückzugs. Auch wenn die Zeit als führender Kopf der Gemeinde es nur noch selten zuließ: So ganz hat er der      Literatur und Dichtung dann doch nie den Rücken gekehrt.
Auch an der Insel Langeoog hing weiter sein Herz, die er nach politischen Querelen verließ, um 1930 als Kurdirektor nach Bad Lausick bei Leipzig zu gehen. Fast zwanzig Jahre später, nach seiner Pensionierung 1948, kehrte er im März 1949 wieder zu ihr zurück.
Ostfriesische Landschaft und Literatur
Und setzte sich sofort wieder für die Literatur ein: 1949 wählte man Dreesen zum Leiter der Gruppe Schrifttum bei der Ostfriesischen Landschaft (OL = eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die kulturelle Aufgaben in Ost- friesland wahrnimmt). 1950 wurde Langeoog dann zum Austragungsort der ersten ostfriesischen Dichtertagung, die Dreesen leitend organisierte. In einem Grundsatzreferat sprach er sich für eine moderne ­Heimatdichtung aus, die sich nicht nur der Vergangenheit ­zuwenden solle und sich auch nicht auf die regionalen Grenzen beschränken müsse. Auch sei das Schreiben im Dialekt für ­gelungene Heimatliteratur eine Möglichkeit neben dem Hochdeutschen, aber nicht zwingend. Heimattümelei war nicht sein Ding – und damit hat Dreesen seine Heimat Ostfriesland auch einem überregionalen Lesepublikum nahegebracht.
Willrath Dreesen, der kurz nach der Dichtertagung auf Langeoog am 14. August 1950 im Alter von 72 Jahren an einem Herzschlag plötzlich verstarb, lohnt eine Wiederentdeckung. Insbesondere auf Langeoog, die wie kaum eine andere der Ostfriesischen Inseln eine Insel der Literaten und Literatur ist: Vom aktuellen Krimibestsellerautor Klaus-Peter Wolf über die Königin der Kurzgeschichte, Gabriele Wohmann, bis zum Literaturnobelpreisträger Rudolf Eucken – sie alle haben ihre Kreativität auch von dieser Insel bezogen, zu der sie sich immer besonders verbunden fühlen und fühlten.
Übrigens: Das Haus mit dem auffälligen halbrunden Tonnendach, die Schreibklause Willrath Dreesens, blitzt noch heute auf der Düne zwischen den Kiefern hervor. Heute sind es seine Enkelinnen aus Hannover mit ihren Familien, die den Fernblick im Familiennest genießen. Sie haben für diesen Artikel einige Bilder mit historischem Seltenheitswert aus ihrem privaten ­Archiv zur Verfügung gestellt. Der Utkieker sagt dafür nochmals „Herzlichen Dank“! -Petra Wochnik-

Ein schwieriges Kapitel: Die Praxis der Kinderkur- Verschickung

Langeoog half Betroffenen-Initiative bei persönlicher Aufarbeitung und Spurensuche
Auf Langeoog wurden bereits sehr früh, 1946, vom Hilfswerk der freien Wohlfahrtsverbände Hannover e. V. Heime für Kinderkuren betrieben. Anfangs, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ging es darum, Kinder aus ausgebombten Städten an der gesunden Nordseeluft wieder aufzupäppeln.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich daraus, und nicht nur auf Langeoog, eine überaus gängige Praxis staatlicher Gesundheitsfürsorge für Kinder – die sogenannte „Kinderkur-Verschickung“. Bis in die 1980er-Jahre wurden bundesweit, von der See bis in die Alpen, mehr als acht Millionen Kinder im Alter zwischen zwei und vierzehn Jahren ohne Eltern auf eine nicht selten sehr weite Reise geschickt. Die Kuren waren öffentlich bezuschusst und wurden von den Kinderärzten in Deutschland wegen Untergewicht, Atemwegsproblemen oder auch bei schlechten sozialen Verhältnissen verordnet.
Doch statt Fürsorge zu erhalten, litten viele Kinder in den meist sechswöchigen Kuren unter militärischer Disziplin, Essenszwang oder öffentlicher Bloßstellung, wenn sie etwa vor lauter Heimweh ins Bett machten oder nicht schlafen konnten. Längst nicht jedes der Millionen Verschickungskinder musste das erfahren. Doch es sind beileibe auch nicht nur Einzelfälle, die Traumatisches in dieser Zeit erlebt haben. Seit etwa drei Jahren gibt es in Deutschland die „Verschickungskinder-Initiative“, in der sich immer mehr Betroffene austauschen (mehr dazu auf www.verschickungsheime.de).
„Licht ins Dunkel der Erinnerung“ zu bringen, darum geht es auch einigen Betroffenen der für Langeoog insgesamt 40 Köpfe zählenden Initiative. 13 von ihnen kehrten Mitte Februar, in Begleitung und am stürmischsten Wochenende des Winters, wieder zurück auf eine Insel, an die sie keine guten Kindheitserinnerungen haben. Es war für jeden und jede Einzelne eine ganz persönliche Zeitreise, wie auch ihre dazu verfasste „Erklärung der Langeooger Verschickungskinder“ zeigte:
„Wir wollen Aufklärung, vornehmlich für uns selbst, aber wir wollen auch der Öffentlichkeit deutlich machen, was im Namen der Gesundheitsförderung für Kinder passieren konnte. Wir wissen, dass ,Fürsorge für Kinder’ in Deutschland, auch nach 1945, oft lange weiter in einer unseligen Tradition praktiziert worden ist. Wir Verschickungskinder haben das, was uns jeweils widerfahren ist, lange für ein zufälliges Einzelschicksal gehalten. Durch die Initiative ist mittlerweile deutlich geworden, dass es weit verbreitete Strukturen waren und Millionen von Kindern verschickt wurden. Sicher ist einiges im Umgang mit Kindern der damaligen Zeit geschuldet, doch der Blick auf die Bedürfnisse und Nöte von Kindern ist in Deutschland mittlerweile ein anderer geworden.“
Organisiert hatte den mehrtägigen Trip die Hamburger Journalistin Marina Friedt, die als ehemaliges Langeooger Verschickungskind auch persönlich betroffen ist. Zusammen mit Manfred Gräber, dem Langeoog-Koordinator der bundesweiten Initiative, hatte sie bereits vorab viele Fakten zu den Kinderkuren auf Langeoog gesammelt. Mit einem Transport von 971 Kindern fing es im Mai 1946 an, in der Hochzeit trafen alle vier bis fünf Wochen etwa 1.200 Kinder auf Langeoog ein. Langeoog war damals wahrlich eine „Kinder-Insel“. Von der AWO, dem Roten Kreuz, der Diakonie und der Caritas wurden von 1946 bis 1975 vier Kinderheime betrieben. Hinzu kamen noch eine Reihe privater Häuser und Hotels, die Kurkinder aufnahmen.
Insbesondere die Caritas engagiert sich heute sehr in der Aufarbeitung dieser Zeit. Anlässlich des Besuches der Initiative auf Langeoog, bat Achim Eng, Caritas-Direktor der zuständigen    Diözese Hildesheim, am 19. Februar in einer Presseerklärung die ehemaligen Verschickungskinder um Verzeihung:
„Ich möchte mich im Namen der Caritas für das entschuldigen, was Ihnen in solchen Kuren als Kinder widerfahren ist. Statt Fürsorge und Verständnis, rüde Behandlung und Herzlosigkeit bis hin zu schwarzer Pädagogik. Sie gehören zu denjenigen, die die traumatischen Erlebnisse aus ihrem Leben nicht auslöschen können. Ich kann Ihnen die Last der Erinnerung leider nicht abnehmen, sondern kann nur mein Bedauern zum Ausdruck bringen und um Verzeihung für das Geschehene bitten.“
Vor Ort kümmerte sich die Leiterin der Langeooger Caritas-Einrichtung, Andrea Eberhardt-Soumagne, mit großer Hilfsbereitschaft und Einfühlungsvermögen um die Gruppe. Es war ein spezieller Rundgang ausgearbeitet, der zusätzlich mit der Psychologin Yvonne Pingel begleitet wurde. Zur Caritas-Klinik gehören heute das Haus Sonnenschein, das Dünenheim (von der DRK übernommen), das Flinthörnhaus (von der Diakonie übernommen) und bis 1999 das Haus Möwennest.
Auch das heutige „Haus Kloster Loccum“ gehörte zu den Orten, denen man gemeinsam einen Besuch abstattete. Hier führte der Leiter Thomas Behncke durch das gewaltige Gebäude, das heute von der „Inneren Mission“ als gemeinnütziges Hotel für den erschwinglichen Urlaub mit Kindern geführt wird. Die  Spurensuche führte auch zum ehemaligen Haus Bodelschwingh in der Mittelstraße oder dem Haus Friesenheim, dem heutigen Haus Ostwind der AWO.
Insgesamt gestaltete sich das Entdecken und Zuordnen der ehemaligen Kinderkurhäuser und -heime auf Langeoog im Einzelfall schwierig. Dazu gab es über die Jahre zu viele Wechsel von Trägern und Betreibern, wurde hier abgerissen, dort neu gebaut. Umso wichtiger war der Gruppe der Besuch des Langeooger Heimatmuseums, dem „Seemanshus“. Und tatsächlich: Erhard Nötzel, Vorsitzender des Heimatvereins, konnte helfen. Dank historischer Bilder, die auf der neuen digitalen ­Medienstation im Museum direkt zugreifbar waren, fanden zwei Verschickungskinder das Kinderheim ihrer leidvollen ­Erinnerung auf alten Plänen wieder.
Der Heimatverein sagte weitere Hilfe zu und steht im Kontakt mit der Verschickungskinder-Initiative. Er hat dabei auch die deutliche Unterstützung von Heike Horn, die die Betroffenen Langeoogs zu einem ausführlichen Gespräch im Rathaus begrüßte. Ein seltenes schriftliches Dokument aus jener Zeit, der Beschwerdebrief eines besorgten Vaters und die heute fassungslos machende Antwort aus dem Haus Bodelschwingh, erschütterte nicht nur die vorlesende, damals fünf Jahre alte Tochter aufs Neue, sondern auch die Bürgermeisterin: „Es ist gut und richtig, zur Sprache zu bringen und sichtbar zu machen, welches Leid Kinderseelen zugefügt wurde, welcher Machtmissbrauch teilweise über viele Jahre auch auf unserer Insel stattgefunden hat. Davor kann man die Augen nicht verschließen.“
Ins öffentliche Bewusstsein wird das Thema Kinderverschickung in Zukunft wohl vermehrt dringen: Neben den Betroffenen-Initiativen, die seit 2019 öffentlichkeitswirksam die Stimme erheben, hat sich ein Themennetzwerk Kinderverschickung der freien Wohlfahrtsverbände gebildet – in dem sich auch die Caritas engagiert. Es unterstützt ein Forschungsprojekt der Deutschen Rentenversicherung zur Geschichte der „Kindererholungskuren“ von 1945 bis 1989. Dessen Ergebnisse geben dem Thema wahrscheinlich bald erneute bundesweite Aufmerksamkeit.
Immer interessiert ist natürlich auch die Langeoog-Gruppe der Verschickungskinder-Initiative an Informationen aus der Zeit der Kinderkuren. Wer bei der Aufarbeitung mitmachen will und dabei vielleicht hilft, so manche gequälte Seele zu erleichtern, der kann sich gerne an die Langeooger Heimortgruppe der­ Initiative, langeoog@verschickungsheime.de, oder direkt an ­Marina Friedt wenden (Tel. 0170 / 9020 224). Kommunikation ist wichtig – und kann hier ungemein befreiend wirken. -pw-

Danke für 40 Jahre „de Utkieker“

Lesegenuss für Insulaner und Gäste gleichermaßen – das ist seit jeher das Ziel des „de Utkieker“. Im Juni 1982 kam die Informationsbroschur für Langeoog zum ersten Mal heraus. Anfangs noch ein reines Veranstaltungsmagazin, sind es im Laufe der Zeit immer mehr Geschichten von und für Insel-Menschen geworden, die sich mit Informationen rund um Langeoog und Veranstaltungshinweisen abwechseln. Das ist ein Grund zu feiern und Danke zu sagen. Unser „Utkieker“ wäre ohne unsere zum Teil langjährigen Inserenten nicht möglich. Wir danken auch der Inselgemeinde und ihrem Team des Tourismus-Service für Veranstaltungstipps, Hinweise und die Bereitstellung zahlreicher Informationen. Vereine, Institutionen und Privatpersonen sorgen mit redaktionellen Beiträgen und Anregungen zu Insel-Geschichten für Aktualität, Unterhaltung und Einblicke. Nicht zu vergessen: Unsere Abonnenten. Bundesweit verschicken wir seit 1988 den „Utkieker“ an hunderte überzeugte Langeoog-Fans. Unser Dank gebührt auch den Austrägern auf Langeoog: Sie übernehmen die Verteilung der Informationsbroschur, die kostenfrei an alle Haushalte ausgegeben wird. Im Jubiläumsjahr werden Sie immer mal wieder unterhaltsame Insel-Geschichten zu lesen bekommen, die sich mit den vergangenen Jahrzehnten beschäftigen. Fotografien gehören natürlich auch dazu. Zum Sommer startet daher unser Jubi- läums-Fotowettbewerb! Einzelheiten hierzu werden Sie in der Juni-Ausgabe finden. Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung mit unserem aktuellen „Utkieker“ und ein herzliches Dankeschön für 40 abwechslungsreiche Jahre!

Ihr Team vom Druck- und Verlagshaus Enno Söker

Percy, Chica und die Flaschenpost

Im Urlaub fand Sabine Brockhöft eine Flaschenpost 
mit einer anrührenden Hundegeschichte 
Es war kurz nach dem Sturmtief „Nadia“ Anfang des Jahres, als Sabine Brockhöft den Flaschenhals in einem „Nest aus Strandhafer“ herausragen sah. „Mhm, gehste mal hin, ist bestimmt ne Flaschenpost“, dachte sie mehr, anstatt es zu glauben. „Und dann habe ich tatsächlich ein Foto darin gesehen!“, freut sich die 56-Jährige noch heute.
Sabine Brockhöft verbrachte ihren Urlaub gemeinsam mit ihrem Hund Percy auf der Insel. Auf Langeoog war sie zum ersten Mal nach ihrem Abitur. Bis auf das vergangene Jahr fährt sie seit 2019 einmal im Jahr im Winter allein auf die Insel. Ende Januar fand sie die Flaschenpost in der Nähe des Strandübergangs Seekrug.
Auf dem Foto ist die Hündin Chica zu sehen. „Sie starb, bevor ihr Mensch ihr das Meer zeigen konnte. Da er wohl immer seine Versprechen hielt, hat er ein Foto von Chica mit einem Text hintendrauf in eine schöne Flasche gesteckt, damit sie noch was vom Meer sehen kann. Wer Chica findet, soll ihr nach Hause helfen – drum steht die Adresse dabei“, beschreibt die Hundeliebhaberin den Inhalt der Flaschenpost.
Von Wangerooge nach Langeoog
Der Text ist im Namen der verstorbenen Hündin geschrieben. Nachdem Sabine Brockhöft die Zeilen gelesen hatte, musste sie sich erst einmal beruhigen und sammeln: „Es war so liebevoll gemacht.“ Ihren eigenen Hund hat die Münsteranerin über die Hundepfoten Steinfurt, einer Vermittlungshilfe für Hunde in Not, bekommen – „Percy war in Ungarn bereits in der Tötungsstation.“ Daher habe die Geschichte sie sehr gerührt. Noch während ihrer Zeit auf der Insel schrieb sie an die angegebene Adresse – im Namen von Percy. Die Antwort aus Eppstein im Taunus ließ nicht lange auf sich warten.
Sascha und Angela Kammler hatten die Flasche auf der Rückfahrt von Wangerooge vom Schiff aus auf die Reise geschickt. Ende Juli 2021 hatten sie ihre Flitterwochen auf der Insel verbracht. Während dieser Zeit hatten sie die Flaschenpost bei jedem Ausflug dabei, am Strand und in den Wellen, denn Chica liebte das Wasser und wäre gerne einmal in ihrem Leben selbst durch die Wellen gesprungen, lautete die Antwort. Seitdem seien sie lose in Kontakt, erzählt Sabine Brockhöft, für die der Fund ihren Langoog-Urlaub besonders gemacht hat. -jeg-

Inselschule setzt Zeichen gegen Diskriminierung

„Schule ohne Rassismus / Schule mit Courage“ –
Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber überreicht Zertifikat an Inselschule
Ein kleines Fest zum großen Anlass: Am 22. Dezember 2021 erhielt die Inselschule die Zertifizierung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Verliehen wurde die Auszeichnung von dem gleichnamigen bundesweiten Netzwerk. Projektpate war kein Geringerer als Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber. Der Journalist und Autor war aus Hamburg angereist, um das Zertifikat persönlich zu überreichen.

Abwechslungsreicher Rundgang
Für den Ehrengast hatte die Inselschule ein kleines Programm vorbereitet. Nach einer Gesprächsrunde in der Aula mit Schülern der Klassen 9 und 10 zum Thema Rassismus lernte Constantin Schreiber auf einer Führung durch die Schule alle Klassen kennen; diese konnten den Rundgang über ihre White­boards verfolgen.
Alle Klassen hatten etwas vorbereitet. So führte die 4. Klasse ein selbst geschriebenes Theaterstück über ein Flüchtlingskind auf. In Klasse 1 übersetzte Constantin Schreiber, der längere Zeit in Syrien gelebt hat, die Weihnachtsgeschichte spontan ins Arabische. Zwei Klassen hatten je ein Quiz präpariert, denen sich der Moderator erfolgreich stellte, andere zeigten Powerpoint- oder Videopräsentationen. Anschließend erfolgte in der Aula der Festakt zur Zertifizierung.

„Das sind wir, dafür stehen wir!“ – Ansprachen
In ihrer Begrüßung der Anwesenden betonte Schulleiterin Christine Deuter, dass der Leitsatz „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ kein leerer Satz sei, sondern von der ­Inselschule täglich gelebt werde: „Das sind wir, dafür stehen wir!“ So gehe das Projekt auch auf eine Initiative der Schülervertretung zurück und werde von der Schülerschaft stark ­unterstützt. Zudem gebe es einmal im Jahr ein Projekt zum Thema Courage.
Die beiden Schülersprecher Geske Bents und Kai Wettstein warfen in ihrer Ansprache einen kurzen Blick auf die Vorbereitung des Projektes, das von 97 Prozent der Schülerschaft bestätigt worden war. Möglich wurde das Vorhaben nur, „weil jede Klasse ihren Teil zum Gelingen beigetragen hat.“ Vor allem die höheren Klassen hätten an der Vorbereitung mitgewirkt. Besonders stolz sei man darauf, Constantin Schreiber als Paten gewonnen zu haben.
Auch Bürgermeisterin Heike Horn lobte in ihrem Grußwort das besondere Engagement, das über die Inselschule hinausweise. Diese könne stolz darauf sein, dass so viele Schulmitglieder hinter dem Projekt stünden: „Ein starkes Zeichen für Langeoog.“ Nun sei der Weg bereitet für weitere Projekte. Die Inselgemeinde werde diese Arbeit gern unterstützen.
Aus Oldenburg zugeschaltet war die Landeskoordinatorin des Netzwerks, Constanze Schnepf, die ihre Grußbotschaft per Live-Video schickte. „Gerade für eine kleine Schule, in der Ihr ja sehr vertraut miteinander umgeht, ist es wichtig, dass Ihr Euch gegen jede Art der Diskriminierung einsetzt“, mahnte Schnepf einen sensiblen Umgang miteinander an.
Die Projektleiterinnen Petra Ahrenholz und Kirsten Rottmann, Klassenlehrerinnen der Klassen 5 und 9, beleuchteten in einem gespielten Dialog die Hintergründe und Visionen des Projektes. Die Förderung von Toleranz, Teamgeist, gegenseitige Anerkennung und Empathie seien wesentliche Ziele der Inselschule, an der immerhin 16 verschiedene Nationalitäten versammelt seien. Eindrucksvoll sei, wie freundlich alle neuen Schülerinnen und Schüler aufgenommen und integriert würden.
Constantin Schreiber: „Komme gern wieder!“
„Als ich gefragt wurde, habe ich sofort zugesagt“, berichtete Constantin Schreiber, für den es die erste Patenschaft ist, in ­seiner Rede. Denn aufgewachsen in Wilhelmshaven, habe er einen Bezug zur Region. Zum anderen habe ihn bewegt, dass die Anfrage von einer Insel gekommen sei. Als Journalist sage er oft, wie wichtig es sei, nicht nur in die Großstädte, sondern auch aufs Land zu schauen.
Die Patenschaft bereue er nicht: „Ich war überrascht, wieviel die Schule auf die Beine gestellt hat, und mit welcher Ideenkraft die Klassen alles vorbereitet haben.“ Er freue sich unglaublich und sei beeindruckt vom Engagement der Schülerschaft, die mit überwältigender Mehrheit hinter dem Projekt stehe: „Ich komme gern wieder, wenn ich darf.“
Constantin Schreiber dankte auch für die fürsorgliche Betreuung durch die Inselschule. Die Schülersprecher hatten ihn tags zuvor vom Bahnhof zum Hotel und morgens vom Hotel zur Schule geleitet.
In einem feierlichen Akt …
wurden anschließend Urkunde und Plakette überreicht. Zugegen waren auch Wiebke Freye von der Elternvertretung und Jördis Recker vom Förderverein der Inselschule, der die Plakette gestiftet hatte. Als Geschenk an den Paten übergab die Inselschule ein umfangreiches Album mit Fotos von allen Klassen und ihren Aktivitäten.
Den Abschluss des Programms bildete draußen auf dem Schulhof eine Darbietung des eigens gegründeten Projektchores „Langeooger Regenbogenchor“. In nur kurzer Probenzeit studierten die Schülerinnen und Schüler unter Leitung von Katja Agena zwei Lieder ein: „We are the World“ von U.S.A. for Africa und „Happy Xmas (War is over)“ von John Lennon und Yoko Ono. Ein starker Auftritt, der mit viel Applaus bedacht wurde. Geplant sei, so Katja Agena, den Chor weiterzuführen.
Der Dank der Inselschule geht an die Langeooger Unternehmen Eckhardt und Buddelei, die Bühnenwagen und Chorkleidung gestellt haben sowie Fotograf Deff Westerkamp, der sich ehrenamtlich um das Fotoalbum verdient gemacht hat. -köp-
„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“

Das Netzwerk
Träger von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist der vor 20 Jahren gegründete Verein Aktion Courage e.V.; 1995 rief er das bundesweite Netzwerk ins Leben. Inzwischen gehören ihm über 3.000 Schulen an.
Ausführliche Informationen zum Netzwerk sind auf www.schule-ohne-rassismus.org im ­Internet zu finden.
Text der Urkunde
„Die Inselschule Langeoog erhält den Titel ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘. Mit Eurer Zustimmung setzt Ihr ein Zeichen gegen alle Formen von Diskriminierung und Rassismus für ein gewaltfreies und respektvolles Miteinander, das über Eure Schule hinaus in die Stadt Langeoog hineinwirkt. Ihr seid mit Eurem Engagement ein Vorbild für andere Schülerinnen und Schüler.“ -ut-

„Segeln ist so tief im Kopf drinnen“

Die Leistungssportlerinnen Finja und Geske Bents im „Strandkorb“-Interview 
Die 16-jährigen Zwillinge Finja und Geske Bents sind passionierte Seglerinnen. Der Sport wurde den beiden Langeoogerinnen in die Wiege gelegt: Gemeinsam mit ihren Eltern Gerdine (Sozialpädagogin an der Inselschule Langeoog) und Helge Bents (Bootsbaumeister mit eigener Werkstatt auf der Insel) segeln sie seit ihrer Kindheit. Inzwischen nehmen sie auch an Regatten teil. Finjas und Geskes Mutter war beim Gespräch über Segeln und Leben auf der Insel dabei.

Wie seid Ihr zum Segeln gekommen? 
Geske: Mit zehn Tagen waren wir zum ersten Mal an Bord. Unsere Eltern segeln ja auch.
Finja: Und als wir so sechs, sieben Jahre alt waren, hat Papa für jede von uns einen Opti aus Holz gebaut (Anm.d.Red.: Die Optimisten-Jolle ist eine kleine und leichte Bootsklasse für Kinder und Jugendliche. Sie dient neben Freizeitzwecken als Einstiegsklasse für den Regattasport). Meins heißt Kröte …
Geske: … und meins Sprotte.
Gerdine Bents: So haben wir sie als Kinder immer genannt; daher die Namen.
Finja: Im Langeooger Verein sind wir die einzigen Jugendlichen und bekommen viel Unterstützung. Zum Beispiel haben wir einen Spinnaker zum Trainieren bekommen (Anm.d.Red: Der Spinnaker ist ein besonders großes, sehr leichtes und bauchig
geschnittenes Vorsegel).

Was ist für Euch der Reiz am Segeln? 
Finja: Durch unsere Eltern haben wir von Anfang an die Begeisterung fürs Segeln vorgelebt bekommen. Segeln ist so tief im Kopf drinnen. Ich finde es toll, auf dem Wasser zu sein, mit Leuten in unserem Alter Zeit zu verbringen und der Ehrgeiz packt einen auch.
Geske: Ich finde es auch cool, mit ganz vielen anderen Jugendlichen zusammen zu sein. Wir trainieren einmal im Monat in einem Speicherbecken in Geeste (Anm.d.Red.: Es handelt sich um einen künstlich angelegten See, der als Kühlwasserbecken für das Kernkraftwerk im Emsland erbaut wurde. Naherholungsgebiet für verschiedene Wassersportmöglichkeiten.) gemeinsam mit anderen Jugendlichen im „Sailing Team Weser-Ems“ im Perspektivkader (Anm.d.Red.: Der Deutsche Segler-Verband (DSV) teilt Leistungssportler in unterschiedliche Kader ein.).

Seit wann nehmt Ihr an Regatten teil? 
Geske: Seit 2018. In Travemünde haben wir 2019 bei den Deutschen Meisterschaften mitgemacht. Insgesamt sind wir bisher 25 Regatten gefahren. Letztes Jahr haben wir an 13 teilgenommen.
Finja: Wir sind dann viel unterwegs. Letztes Jahr waren es sechs Wochenenden am Stück. Mama und Papa begleiten uns, wir schlafen im Auto.
Gerdine Bents: Wir haben einen Caddy mit Dachzelt. Daher geht das.
Finja: Durch unsere Eltern bekommen wir viel Unterstützung, denn Segeln, so wie wir es machen, ist viel Aufwand.
Geske: Im März fängt es langsam an und im Mai geht es richtig los. Im November sind die letzten Regatten. Dann ist Winterpause und wir trainieren viel Ausdauer und Kraft; gehen joggen, strandsegeln, machen Krafttraining. All das fünfmal die Woche. Theorie gehört auch dazu, wir skypen dann mit unserem Trainer einmal die Woche. In den Winterferien gehen wir auch Ski fahren.
Segelt Ihr als Team?
Geske: 2019, bei den Deutschen Meisterschaften. Aber unser Boot heißt nicht umsonst „Drama Twins“ – wir haben uns nur gestritten…
Gerdine Bents: Sie waren aber auch immer zusammen. Zuhause, in der Schule. Das war einfach zu viel Enge.
Finja: Wir sind beide gerne in der Position der Vorschoterin (Anm.d.Red.: Vorderfrau im Segelboot. Im Gegensatz zur Hinterfrau, sie steuert das Boot, setzt, bedient und birgt das Vorsegel und den Spinnaker) und haben seit fast zwei Jahren jede eine andere Partnerin am Steuer. Das klappt super.
Wie habt Ihr die Corona-Zeit auf der Insel erlebt? 
Geske: Der erste Lockdown war noch ganz schön. Wir konnten richtig lange strandsegeln, weil der Strand so lange menschenleer war. Aber es war schon auch langweilig. Wir sind oft spazieren gegangen, weil sonst nichts ging.
Finja: Wir hatten aber auch Glück: Ostern 2020 konnten wir schon wieder segeln. Geske und ich bekamen eine Ausnahmegenehmigung vom Landkreis Wittmund, weil wir ja eine Familie sind. Das war gut.
Dieses Jahr macht Ihr Euren Realschulabschluss. Was habt Ihr danach vor?
Finja: Im August haben wir noch eine Regatta in Kiel. Dann gehen wir beide für fünf Monate ins Ausland. Aber nicht zusammen. Ich gehe in die USA nach Oklahoma.
Geske: Und ich im September nach Kanada. Wir gehen dort weiterhin zur Schule und die Zeit wird uns angerechnet. Wenn wir zurückkommen, werden wir beide ins Internat, ins NIGE (Anm.d.Red.: Niedersächsisches Internatsgymnasium Esens) gehen.
Habt Ihr ein Lebensmotto? 
Geske: Das Beste aus den Sachen machen. Ehrgeizig an die   Sachen gehen.
Finja: Ja. So ist es auch bei mir.
Was würdet Ihr Euch für Langeoog wünschen? 
Geske: Dass mehr für Jugendliche gemacht wird. Mehr für Kinder. Das Freizeitangebot könnte ausgebaut werden. Im Winter ist gar nix los. Außer Strandsegeln kann man nix machen. Ich würde mir wünschen, dass wir jungen Menschen mehr beachtet werden. Wir sind doch auch die Zukunft der Insel!
Finja: Wir Jungen sollten gefragt werden, mehr einbezogen werden, damit wir mitbestimmen können.
Was bedeutet Euch Langeoog? 
Finja: Wir sind sicher und behütet aufgewachsen. Mit vier konnten wir schon allein zum Kindergarten gehen. Ohne Autos aufzuwachsen, ist manchmal nervig, aber dass die Luft nicht nach Abgasen riecht, ist toll.
Geske: Wenn ich an Zuhause denke, muss ich an Langeoog denken.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Euch, Finja und Geske. -jeg-

Wenn die Flagge weht …

Heimatmuseum „Seemannshus“ am Caspar-Döring-Pad 
ab April geöffnet – Wiedersehen nach 60 Jahren
Es lohnt sich dieser Tage im Casper-Döring-Pad nachzu-schauen, ob vorm Seemannshus die Flagge weht, denn sie bedeutet: Das Heimatmuseum hat wieder auf!
„Das Seemannshus wird ab Samstag, 2. April wieder geöffnet sein“, berichtet Erhard Nötzel, 1. Vorsitzender des Heimatvereins Langeoog e.V., der das Museum betreut. Gerade im Frühjahr locken nicht nur die Ausstellungen im Museum, sondern auch der Garten des Hauses, speziell zur Zeit der Birnenblüte. Von April bis Mai, je nach Witterung, steht der Birnbaum im     Innenhof in weißer Blütenpracht.
Ein weiterer Grund für das Wehen der Flagge sind Trauungen im Seemannshus. Denn dessen romantische Friesenstube gilt als beliebte „Eheschmiede“ für Brautpaare aus aller Welt. Und viele von ihnen hinterlassen eine dauerhafte Spur auf Langeoog: ihren „Hochzeitsstein“. Diese Klinker mit eingravierten Initialen und Datum bilden den beliebten „Hochzeitspfad“ im Seemannshus-Garten und rund ums Haus – ein ganzjähriger Hingucker.
Nach 60 Jahren das Seemannshus wieder besucht
Von einer ganz besonderen Begegnung, die sich Ende 2021 im Heimatmuseum ereignete, berichtet Erhard Nötzel: „1961 kam Manfred Hammes als Kind mit seinen Eltern nach Langeoog.“ Die Familie aus dem Schwarzwald wohnte damals bei Anni Seemann, die das „Haus Seemann“ mit zehn Gästebetten betrieb. „Und jetzt schaute Manfred wieder aus ‚seinem‘ Zimmer heraus – 60 Jahre später im Seemannshus.“ Da war selbstverständlich eine ausgiebige Extra-Führung durch die Räume des Hauses fällig. -köp/ut-