Tourismus und Nationalsozialismus

Vortrag mit Prof. Dr. Jörg Echternkamp am 5. Juni im HDI

 „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die ­Zukunft gestalten“ heißt es im Infokasten des Heimatvereins vorm Seemannshus. Das vierte Foto auf der linken Seite zeigt das „Café Dünenschlößchen“. Anfang Juni werden zur Erinnerung an die Familie de Heer unterhalb des Langeooger Wasserturms Stolpersteine verlegt. Dort hatte die jüdische Familie das „Café Dünenschlößchen“ betrieben, bis sie 1938/39 in die Niederlande fliehen musste. Wenige Tage vor der Stolpersteinverlegung wird es auf der Insel die Vortragsveranstaltung „Volksgemeinschaft – Tourismus und Nationalsozialismus auf Langeoog“ des Heimatvereins Langeoog e. V. und der Inselgemeinde geben. Den Vortrag Anfang Juni im Haus der Insel (HDI) hält Prof. Dr. Jörg Echternkamp. Er arbeitet am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften (ZMSBw) in Potsdam und lehrt Neuere Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Historiker ist Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der NS-Zeit und der ost- und westdeutschen Nachkriegsgeschichte im europäischen Zusammenhang.

Ausgrenzung und Verfolgung
Als Deutscher Teil der „Volksgemeinschaft“ zu sein: So lautete ein zentrales Versprechen der Nationalsozialisten. Auf der Ferieninsel Langeoog sollte diese Volksgemeinschaft erfahrbar werden. Tausende Jungen und Mädchen der Hitlerjugend nahmen an Zeltlagern im Pirolatal teil, während Gäste des „Kraft durch Freude“-Programms für ausgebuchte Pensionen und Erholungsheime sorgten. Die Dorfbewohner selbst erlebten das neue Regime als Mitglied der NS-Volkswohlfahrt, bei Veranstaltungen der NSDAP-Ortsgruppe oder auf feierlichen Umzügen, wo sie mit Gästen zusammentrafen. Auch symbolpolitisch ­bekräftigte die Gemeinde ihre Zugehörigkeit zu dem neuen Regime, indem sie Straßen umbenannte und Denkmäler errichtete.

Die Kehrseite der „Volksgemeinschaft“ war die Ausgrenzung und Verfolgung jener, die nach der rassistischen und antisemitischen NS-Ideologie nicht dazugehörten. Während sich die Zwangssterilisation gegen Insulaner richtete, zielte die antisemitische Hetze darauf, jüdische Gäste gar nicht erst aufzunehmen und zugezogene Konkurrenten loszuwerden. Die Verfolgung der als jüdisch gebrandmarkten Familie von Pieter und Margarethe de Heer führt das deutlich vor Augen. Während des Krieges zeigte sich die rassistische Politik im tödlichen Umgang mit sowjetischen Zwangsarbeitern, die den Ausbau der Insel zu einer Garnison vorantreiben sollten.

In seinem Vortrag nimmt Prof. Dr. Jörg Echternkamp die ostfriesische Insel unter die Lupe, um zu prüfen, wie tief Nationalsozialismus und Antisemitismus in die deutsche Gesellschaft eingedrungen waren. Mit Blick auf die Gegenwart verdeutlicht der Historiker, dass Teile der touristischen Tradition und des heutigen Markenkerns unter anderen Vorzeichen ihren Ursprung auf der Insel der „Volksgemeinschaft“ haben.

Der Vortrag ist am Mittwoch, 5. Juni um 20 Uhr im HDI zu hören. Karten sind für 10,- Euro in der Tourist-Information im HDI erhältlich. Die Stolpersteinverlegung für Familie de Heer wird am Samstag, 8. Juni um 15 Uhr vorgenommen

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