Stolpersteine auf Langeoog

Im Rahmen der Stolpersteinverlegung am 8. Juni
finden mehrere Veranstaltungen statt

Unterhalb des Langeooger Wasserturms, dort, wo heute der Park an der Kaapdüne ist, stand das „Café Dünenschlößchen“ der Familie de Heer. Ein Jahr Vorlaufzeit war nötig, um die Verlegung der ersten Stolpersteine auf der Insel umzusetzen, sagt Erhard Nötzel, 1. Vorsitzender des Heimatvereins Langeoog e.V. Am 8. Juni 2024 um 15 Uhr wird der Künstler Gunter Demning in Erinnerung an die Familie de Heer die Stolpersteine am Fuße des Wasserturms vor der Buchhandlung Krebs verlegen.
Seit 1993 hat Gunter Demning mehr als 100.000 Stolpersteine verlegt, die an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Die Nationalsozialisten wollten die verfolgten Menschen zu Nummern machen und ihre Identität auslöschen – mit den Stolpersteinen möchte der Künstler diesen Prozess rückgängig machen und ihre Namen wieder in die Straßen und Orte zurückholen und aufzeigen, dass hinter jedem Stein ein Menschenleben steht.
Die Stolpersteinverlegung ist öffentlich. Eine vor Ort installierte Tafel wird über die Geschichte der Familie de Heer informieren. Während der Veranstaltung wird es einen thematischen Büchertisch der Buchhandlung geben.
Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klasse der Inselschule, die seit dem Schuljahr 2021/22 dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ angehört, werden die Stolpersteine pflegen. „Sie kümmern sich darum, dass die Steine, die aus Messing sind, sauber bleiben und da liegen bleiben. Außerdem werden sie sich auch einmal im Jahr thematisch mit den Stolpersteinen und ihrer Ursache beschäftigen“, so Erhard Nötzel.

Familie de Heer
Unterhalb des Langeooger Wasserturms, dort, wo heute der Park an der Kaapdüne ist, stand das „Café Dünenschlößchen“ der Familie de Heer. Die Familie hatte auch eine Pension in der Mittelstraße, das „Haus Dünenlust“. Margarethe de Heer stamm­te aus einer jüdischen Familie und war zum Christentum konvertiert. Von Nationalsozialisten als jüdisch stigmatisiert, wurden sie, ihr niederländischer Ehemann Pieter und ihr Sohn Heinrich Opfer antisemitischer Demütigung und Ausgrenzung.
Das Café mussten sie 1936, die Pension 1938 zu ungünstigen Bedingungen verpachten. Die Familie wurde um ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenz gebracht. 1938/39 flohen sie in die Niederlande. Das Café wurde 1940 durch einen Bombenangriff beschädigt und daraufhin abgerissen, die Pension 1940/41 zwangsversteigert.
Nach dem Krieg erwirkte die Familie de Heer die Rückerstattung ihrer Pension. Trotz der antisemitischen Verfolgung, die sie auf Langeoog erfahren hatte, kehrte das Ehepaar 1951 auf die Insel zurück und betrieb das „Haus Dünenlust“ bis 1962. Eine Entschädigung für den Verlust des Cafés erhielten sie nicht. Pieter de Heer starb 1954, seine Ehefrau Margarethe 1972. Beide sind auf dem Langeooger Kirchfriedhof beigesetzt.

„Ein wunderbarer Zufall“
Erhard Nötzel lebt seit acht Jahren auf Langeoog und engagiert sich seitdem ehrenamtlich im Heimatverein. „Ich habe mich bemüht, die Geschichte Langeoogs zu dokumentieren und bemerkt, da gibt es ein Loch zu den 1930er-Jahren“, sagt er. „Zum Thema Nationalsozialismus gab es nix. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe die Recherche verschärft.“ Fündig wurde er in Archiven. Dem Niedersächsischen Landesarchiv in Aurich, in Koblenz im Bundesarchiv. Einige Informationen seien praktisch auf der ganzen Welt verstreut gewesen, erinnert er sich.
Hinzukommt die Broschüre „Eine Geschichte von Langeoog. Haus Dünenlust“. Norda Westerkamp und ihr Ehemann Frank Niemeier brachten diese 2016 zu ihrem zehnjährigen Jubiläum als Pensionswirte heraus. 1964 hatten ihre Eltern die leerstehende Pension gekauft. Autor der Chronik ist Christoph Lowes. Vorher sei überhaupt nichts bekannt gewesen, sagt Erhard Nötzel.
Dem Autor Christoph Lowes, der einst Internatsschüler auf Langeoog war, sei nach Fertigstellung der Broschüre „ein wunderbarer Zufall“ widerfahren: Er machte Urlaub auf einem Campingplatz. Mit einem Niederländer kam er ins Gespräch und erzählte ihm von seiner Recherche zur Familie de Heer. „Kenn ich. Sind meine Nachbarn“, habe dieser gesagt, so Erhard Nötzel. Bei den Nachbarn handelte es sich um Heinrich de Heer und seine Ehefrau Annie. Damals lebte nur noch Annie de Heer. Mit ihrem Ehemann hatte sie ein Eiscafé in Winschoten – und sie hatte noch Alben, Fotos und Gästebücher von Langeoog. Diese sind Bestandteil der neuen Broschüre von Christoph Lowes, die der Heimatverein zur Verlegung der Stolpersteine herausbringt. Erhältlich wird sie für 3,_ Euro im „Seemannshus“ und in der Buchhandlung Krebs sein. Titel: „Das verlorene Café. Eine vergessene Geschichte von Langeoog“.

-jeg-

Begleitende Veranstaltungen

Der Heimatverein hat einige Veranstaltungen initiiert, die in der Woche der Stolpersteinverlegung stattfinden werden:

Film „The Zone of Interest” am 3. und 4. Juni
Regisseur Jonathan Glazer beleuchtet in The Zone of Interest die Schrecken des Holocaust aus der Perspektive von Rudolf und Hedwig Höß, dem Kommandanten von Auschwitz und seiner Familie, die in ihrer Villa, Mauer an Mauer mit dem Vernichtungslager, ein äußerst privilegiertes Leben führten.
Das Langeooger Kino Windlicht zeigt den 2024 mit zwei Oscars ausgezeichneten Film am 3. und 4. Juni jeweils um 20 Uhr.

„Spannende Ortsführung“ am 5. Juni
Dynamik ist das Kennzeichen des Wattenmeeres, aber auch das Inseldorf hat sich in den vergangenen 200 Jahren dynamisch entwickelt. Wie und wo das bis heute zu sehen ist, zeigt Uwe Garrels, Nationalparkführer und ehemaliger Bürgermeister Langeoogs.
Die Führung findet am 5. Juni um 10 Uhr statt. Treffpunkt ist das Haus der Insel (HDI). Karten gibt es für 18,- Euro (Kinder bis 15 Jahre frei) in der Tourist-Information im HDI und unter www.langeoog.de.

Vortrag „Tourismus und Nationalsozialismus
auf Langeoog“ am 5. Juni
Als Deutscher Teil der „Volksgemeinschaft“ zu sein lautete ein zentrales Versprechen der Nationalsozialisten. Auf der Ferieninsel Langeoog sollte diese Volksgemeinschaft erfahrbar werden. Tausende Jungen und Mädchen der Hitlerjugend nahmen an Zeltlagern im Pirolatal teil, während Gäste des „Kraft durch Freude“-Programms für ausgebuchte Pensionen und Erholungsheime sorgten. Die Dorfbewohner selbst erlebten das neue Regime als Mitglied der NS-Volkswohlfahrt, bei Veranstaltungen der NSDAP-Ortsgruppe oder auf feierlichen Umzügen, wo sie mit Gästen zusammentrafen. Auch symbolpolitisch ­bekräftigte die Gemeinde ihre Zugehörigkeit zu dem neuen Regime, indem sie Straßen umbenannte und Denkmäler errichtete. Die Kehrseite der „Volksgemeinschaft“ war die Ausgrenzung und Verfolgung jener, die nach der rassistischen und antisemitischen NS-Ideologie nicht dazugehörten.
In seinem Vortrag „Volksgemeinschaft – Tourismus und Nationalsozialismus auf Langeoog“ nimmt Prof. Dr. Jörg Echternkamp die ostfriesische Insel unter die Lupe, um zu prüfen, wie tief Nationalsozialismus und Antisemitismus in die deutsche Gesellschaft eingedrungen waren. Mit Blick auf die Gegenwart verdeutlicht der Historiker, dass manche heutige touristische Tradition ihren Ursprung in der Zeit des Nationalsozialismus hat.
Der Vortrag ist am Mittwoch, 5. Juni um 20 Uhr im Haus der Insel (HDI) zu hören. Karten sind für 10,– Euro in der Tourist-­Information im HDI erhältlich und unter www.langeoog.de.