Ein Skelett fuhr auch schon mit

Sperrmülltag auf Langeoog – wie funktioniert das eigentlich mit der Entsorgung? 
„Wir machen alles“, sagt Andreas Puls, als er die Pappe vom Bürgersteig aufhebt und in den Anhänger wirft. Mit seinem Kollegen Christian Jung ist er auf dem Weg zum nächsten Wohnhaus, um Sperrmüll abzuholen. Dass unterwegs angehalten wird, um aufzusammeln, was nicht dorthin gehört, gehört für sie zu ihrem Arbeitsalltag. Beide arbeiten auf dem Bauhof der Inselgemeinde Langeoog. Ihre Aufgaben: Grünanlagen pflegen, Beerdigungen auf dem Dünenfriedhof vorbereiten, kleinere Reparaturen in den Liegenschaften der Gemeinde, Straßenreinigung, Müllentsorgung und mehrmals im Jahr auch die Beseitigung von Sperrmüll.
In dieser Dezemberwoche sind es zwei Termine, und zwar Mittwoch und Donnerstag. Aufgeteilt in Norderdorf (für nicht         Insulaner*innen: vom Bahnhof kommend rechts von der Hauptstraße) und in Süderdorf (die andere Seite). Insgesamt sind es 80 Abholstellen. „Ab 50 Stellen fangen wir schon früher mit der Arbeit an“, sagt Christian Jung. „Bei großen Mengen sind wir oft eine Woche beschäftigt.“ Daher werde bereits am Montag und Dienstag, nach der Abholung der gelben und grauen Säcke, begonnen. Im November hatten sie 130 Abholstellen. „Beim ersten Termin nach dem Sommer ist am meisten zu tun“, so der Langeooger. In diesem Jahr hat es 13 Sperrmülltage gegeben, verteilt auf sieben Monate. „Bis jetzt hat sich immer jeder gefreut, wenn wir kommen. Außer, wenn wir was nicht mitnahmen.“
Sperrmüll oder nicht? 
Teppiche, Stühle, Schränke, Kommoden, Staubsauger, Sofas, Matratzen, Lampen, Lampenschirme, Liegestühle, Fernseher, Heizlüfter, Fahrräder – alles ist ordentlich zusammengestellt. Zu zweit ist die Arbeit nicht zu schaffen. Außer Christian Jung und Andreas Puls gehören noch Arthur Frost, Robert Rothe und Marvin Busse zum Bauhofteam, das von Hartmut Börgmann geleitet wird. An diesem Dezembertag sind sie zu fünft unterwegs – aufgeteilt in drei Trupps. Es hat geregnet. Die Matratzen und Sofas sind mit Wasser vollgesogen. Gemeinsam wuchten die Kollegen die schweren und unhandlichen Möbel auf den Anhänger. Gesprochen wird nicht viel. Sie sind eingespielt. Verladen wird nach Zugehörigkeit in die drei Anhänger: Ein Hänger ist für Altmetalle, die beiden anderen für Sperrmüll. Gezogen werden sie von den inseltypischen E-Karren.
Doch Sperrmüll ist nicht gleich Sperrmüll. Zu beachten gibt es manches, damit nichts unnötig vor die Tür gestellt wird: „Alles, was in Säcke passt, dürfen wir nicht mitnehmen, wie Kleider. Auch alles, was verbaut ist, müssen wir stehen lassen. Zum Beispiel Paneele, Türen, Fenster, Toilettenschüsseln und Zäune“, zählt Robert Rothe auf. Dafür müsse ein Container bestellt werden. Der gelernte Tiefbauer arbeitet seit eineinhalb Jahren auf dem Bauhof. Er lebt in Esens und pendelt täglich. So wie Arthur Frost und Andreas Puls, beide gelernte Gärtner und seit mehr als 30 Jahren bei der Gemeinde. Marvin Busse ist vor eineinhalb Jahren von Bielefeld auf die Insel gezogen. Er hat Straßenbauer gelernt. Mit ihren unterschiedlichen Berufen können sie all die anfallenden Aufgaben des Bauhofs gut erledigen, sagt Christian Jung, der ebenfalls auf Langeoog lebt und gelernter Maler ist. Im Rathaus weiß man, was man an dem Team hat. „Die Mitarbeiter des Bauhofs sind ein echtes Hochleistungsteam“, lobt Bürgermeisterin Heike Horn.
Schuco, E-Bike, Playmobil 
Sperrmüll muss auf der Insel bei der Gemeinde angemeldet und im Vorfeld bezahlt werden. 15 Euro für bis zu drei Kubikmeter, 30 Euro für drei bis sechs und 45 Euro für sechs bis neun Kubikmeter. Ob die angemeldete Menge in etwa hinkommt, haben die Bauhof-Mitarbeiter im Gefühl. Es seien Erfahrungswerte. Und das Wissen, dass in zwei volle Hänger neun Kubikmeter hineinpassen, sagt Arthur Frost.
Sobald ein Anhänger voll ist, fährt er zum Lagerplatz am „Mount Müll“, um abzuladen. „Mount Müll“ nennen Langeooger ihre ehemalige Deponie. Zwischen 1955 und 1987 wurden hier die Abfälle abgelagert, 2010 wurde der Hügel saniert und rekultiviert. Am Lagerplatz übernimmt die Langeooger Firma Eckhardt: Sie belädt die Schiffscontainer mit dem abgeladenen Sperrmüll. „Mit der Baggerschaufel wird dann im Container alles gestampft“, erklärt Christian Jung. Sobald die Schiffscontainer voll sind, werden sie aufs Schiff verladen. Um die weitere Entsorgung und Verarbeitung kümmert sich das Unternehmen Nehlsen.
Dinge, die nicht mehr benötigt werden, aber noch brauchbar wären, fallen auch immer mal wieder beim Sperrmüll an. „Finden tun wir eigentlich alles. Alte Schuco-Modellautos waren schon dabei. Original Playmobil. Sogar ein E-Bike, bei dem der Akku nicht mehr funktionierte“, erzählt Christian Jung. Er erinnert sich auch an eine komplette Wohnzimmerausstattung, die neuwertig aussah und so noch hätte verwendet werden können. Von einer Ferienwohnung sei sie gewesen und wahrscheinlich habe man den Gästen nach ein paar Jahren was Neues bieten wollen, vermutet er. Einmal sei auch ein skurriler Fund dabei gewesen: Ein Skelett von der Inselschule.
Die Inselgemeinde hat auf ihrer Website Tipps zusammengestellt, wie Sperrmüll vermieden werden kann: Über Kleinanzeigen, Flohmärkte und soziale Einrichtungen können gut erhaltene und noch brauchbare Gegenstände, die zu schade für den Sperrmüll sind, gegebenenfalls einen neuen Besitzer finden.
„Wir nehmen alles zweimal in die Hände“ 
Der Arbeitstag des Bauhof-Teams beginnt um 7.45 Uhr und endet um 17 Uhr. Gegen 13 Uhr machen sie eine halbe Stunde Mittag. Nach der Mittagspause fahren Andreas Puls und Christian Jung mit einem Hänger voller Elektroschrott zur Müllumschlagstation an der Kläranlage. Kleinteilige Elektrogeräte, wie Drucker, Fernseher und Mikrowelle, können sie auf der Ladefläche der E-Karre transportieren. Bei großen Geräten fahren sie extra raus. Dann stellen sie alles zusammen. Kühlschränke, Herde, Trockner. Einmal hatten sie vier Hänger mit 180 großen Gegenständen. All das muss händisch eingeräumt werden. Und auch wieder raus.
„Alte Waschmaschinen, wie die von Miele, sind die schwersten“, sagt Christian Jung. Kühlschränke von 30, 35 Kilo kann er allein tragen. „Das ist kein Problem. Aber die 50-Kilo-Geräte, die müssen wir zu zweit tragen.“ Gemeinsam mit Andreas Puls trägt er einen mannshohen Kühlschrank vom Anhänger, um ihn in den Schiffscontainer zu den anderen entsorgten Geräten zu stellen. „Du nimmst was mit“, ruft er ihm zu, als er sieht, dass sich das Kabel eines anderen Geräts am Kühlschrank verhängt hat.
Mit den kleinteiligen Elektrogeräten haben sie heute Glück. Der Schiffscontainer, den sie von oben mit dem Bagger beladen können, ist frei. Ansonsten ist es in der Regel so, wie Andreas Puls sagt: „Wir nehmen alles zweimal in die Hände.“ Nun können sie die Baggerschaufel zur Hilfe nehmen, um die Kleinteile umzuladen. Das sei schon eine große Arbeitserleichterung, sagt Christian Jung. Den Deckel des Containers müssen sie
jedoch händisch hochpumpen, was eine Weile dauert. Das Pumpen ist anstrengend und Andreas Puls macht eine Verschnaufpause. „Sport brauchen wir nicht“, sagt er. „Durch unsere Arbeit bewegen wir uns rauf und runter, klettern in Bäume, sind immer in Bewegung“, ergänzt Christian Jung und sagt mit einem Grinsen: „Wir sind Mädchen für alles.“ -jeg-