Das Archiv in der Werkstatt

Im Keller des HDI lagert der Heimatverein Erinnerungsstücke zur Geschichte der Insel

Erhard Nötzel, 1. Vorsitzender des Heimatvereins, hat seinen Arbeitsplatz im Keller des HDI. Dort ist auch das Archiv des Vereins untergebracht. Weißgekachelte Wände, grelles Deckenlicht. Eine Leiter hängt waagerecht über einem Holzregal voller Pappkartons. Spinnenweben. Staub. In der Mitte des zugestellten Kellerraums ein Tisch. Auf dem stehen zwei blau-weiße Keramikgefäße, Kartons, ein A3-Scanner, Laptop und Rechner. Erhard Nötzel steht davor. Es ist sein Arbeitsplatz. Der Raum wird zum einen als Werkstatt von der Inselgemeinde Langeoog genutzt. Und zum anderen von ihm, dem 1. Vorsitzenden des Heimatvereins Langeoog e. V. Hätte er den Raum nicht, müsste er die Digitalisierung der Inselgeschichte bei sich zu Hause machen.

So konnte er in den vergangenen fünf Jahren im Keller des HDI, dem Haus der Insel, Daten einpflegen, Dias, Fotos, Negative und Inhaltsverzeichnisse von Büchern einscannen. Unendlich viele Stunden seien dafür draufgegangen: „Ich sitze manchmal mehrere Wochen jeden Tag hier und dann wieder gar nicht“, sagt er.

15.000 Dokumente sind es bisher. Kanonenkugel, Kaffeekanne, Kinderschuhe – drei von 365 Datensätzen. Abgesichert in einer Cloud im Internet und zusätzlich auf einer externen Festplatte. Fördermittel hat er beantragt, um die „technischen Voraussetzungen“ zu finanzieren. „Ich bin Rentner, ich muss was zu tun haben“, sagt Erhard Nötzel.

Zurzeit gehe es ihm darum zu sortieren, Altbestände zu sichten. Auch sei in letzter Zeit viel hinzugekommen. Schenkungen aus Haushaltsauflösungen, aus Nachlässen. Im Heimatmuse­um, dem „Seemannshus“, sei nicht genügend Platz für alles. Daher ist im Keller des HDI auch das Archiv des Heimatvereins. Wobei Erhard Nötzel den Begriff „Abstellraum im Keller“ richtiger findet. „Ein Archiv ist dann eins, wenn es denen, für die es sein soll, zugänglich ist“, meint er.

Von seinem Arbeitsraum sind es mehrere Schritte zum Raum der archivierten Gegenstände. Geradeaus den Gang entlang, links abbiegen und dann hinter der Tür auf der linken Seite vom Flur. „Er ist schon zweimal abgesoffen“, sagt Erhard Nötzel über den wenigen Quadratmeter großen Raum. Mit den Händen zeigt er wie hoch das Wasser stand. Knöcheltief. Auf Paletten habe er daraufhin alles gestellt und in Plastikkisten gepackt, damit die Dokumente nicht noch mal einen Wasserschaden erleiden.

Kartons mit Heimatkalendern, Printausgaben von Langeoog News, Ostfriesland Magazin und de Utkieker – „alles, was man sammeln kann, haben wir gesammelt“, sagt der 1. Vorsitzende und zeigt, was in dem Raum lagert: Alte Bücher. Bilderrahmen. Dokumente und Schallplatten von Lale Andersen („Mit Lale könnten wir viel machen“). Das Modell eines Gulfhauses. Eine Nähmaschine. Ein Spinnrad („Da haben wir noch eins im Seemannshus“). Ein Bugholzstuhl von Thonet aus dem Jahr 1902 („Aus dem Büro des Hotels Ihnken“). Die alte Kirchturmspitze der Inselkirche („Wahrscheinlich bis 1954 auf der Kirche gewesen“). Bombensplitter vom Bombenabwurf am 1. Juli 1940 („Sie sind am Wasserturm runtergegangen und wurden am Bahnhof gefunden“).

All diese Gegenstände liegen gestapelt übereinander, manches in Kisten im Regal, einiges lose davor. Erhard Nötzel hätte als Archiv gerne einen anderen Ort. Zwei Räume im Nachbarhaus des Heimatmuseums kann er sich dafür gut vorstellen; beide Häuser gehören der Gemeinde. Doch das Haus ist vermietet. „Die Mieterin hat lebenslanges Wohnrecht“, sagt Heike Horn, Bürgermeisterin der Inselgemeinde. Damit der Gemeinderat über das berechtigte Anliegen des Vereins entscheiden könne, so die Bürgermeisterin, müsse ein schriftlicher Antrag gestellt werden. Bisher sei dies nur mündlich beantragt worden. Und es gibt noch ein weiteres Hindernis: „Wir haben ein Platz- und Raumproblem auf der Insel“, fasst Heike Horn die prekäre Immobiliensituation auf Langeoog zusammen. „Sogar für einen Container brauchen wir eine Baugenehmigung.“

Ein Container könnte für Erhard Nötzel die Notlösung sein: „Damit es nicht auf dem Müll landet“, sagt er über das Archivmaterial. Denn das HDI ist in die Jahre gekommen. Noch ist unklar, was mit dem Gebäude der Inselgemeinde passieren wird. „Wird es komplett saniert oder abgerissen? So oder so müssten wir dann raus“, ist der 1. Vorsitzende des Heimatvereins überzeugt. Heike Horn sagt: „Das Archiv ist wichtig – auch für die Gemeinde. Wo wir können, werden wir unterstützen.“

Der Heimatverein hat 184 Mitglieder, davon rund ein Dutzend Aktive. Sie arbeiten ehrenamtlich und bieten Teezeremonien, Führungen und Vorträge an. „Es gibt immer Leute, die irgendeine Geschichte haben und sie uns erzählen“, freut sich Erhard Nötzel. Und dann gibt es auch die alten Geschichten, die neue Geschichten hervorbringen. „1902 wurde am Strand ein Wal entdeckt. Davon gibt es eine Postkarte“, erzählt er. Der Urenkel des Fotografen habe vor einer Weile zu ihm Kontakt aufgenommen. Fotos und die Pressemitteilung von damals habe er ihm geschickt, so Erhard Nötzel. Im Juni werde der Urenkel zu seinem 80. Geburtstag nach Langeoog kommen. „Wir wollen dann gucken, wo der Wal lag.“

-jeg-