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„Es wird mit den Augen geklaut“

Seit September macht Oliver Kigele seine Tischler-Ausbildung bei Holger Schwede 
Wichtig sei ihm, dass seine Lehrlinge nach ihrer Ausbildung selbstständig arbeiten können, Probleme lösen können, so Holger Schwede, Tischlermeister und Inhaber der Schwede Tischlerei GmbH auf Langeoog. „Unser Beruf besteht aus Problemen“, sagt er und nennt als Beispiel den Einbau von Fenstern, der im Lehrbuch oft ganz anders sei als auf der Baustelle, wo die Tischler täglich vor neuen Herausforderungen stünden.
Seit 56 Jahren bildet der Betrieb aus. Der Tischlermeister schätzt, dass sie um die 60 Lehrlinge bisher gehabt haben, meist waren es auch immer zwei zeitgleich. Holger Schwede übernahm die Tischlerei 1997, zuvor hatte er zehn Jahre eine Werkstatt in Berlin, in der er auch schon ausgebildet hat. Seit September macht Oliver Kigele seine Lehre bei ihm.
Aus Bayern an die Nordsee
Der 18-Jährige kommt ursprünglich aus Bayern. „Aus Sixthaselbach, was bestimmt niemand kennt“, erzählt er lachend. Der Ort liegt in der Nähe von Erding und Landshut. Als seine Eltern nach Carolinensiel zogen, machte er im November 2021 bei Holger Schwede ein Praktikum. Das erste Lehrjahr verbrachte er allerdings noch in Bayern. Bei der Tischlerausbildung ist das erste von drei Ausbildungsjahren rein schulisch und nicht an einen Betrieb gebunden. Nun ist er dienstags bis freitags in der Werkstatt, montags in der Berufsschule.
„Im ersten Jahr ist es viel Theorie. Man lernt die Holzarten kennen, Holzverbindungen, Matheformeln, Zeichnen mit der Hand und mit dem Computerprogramm CAD“, erzählt Oliver Kigele. „Danach hat man schon ein bisschen Fachwissen und baut es dann im Betrieb aus.“ Dazu gehören auch die sichere Bedienung und Pflege von Maschinen und das Lackieren, das in der Schule mit der Spritzpistole, im Betrieb mit Pinsel und Rolle ausgeführt werde.
Warum er sich für die Tischlerausbildung entschieden habe, liege an den vielen Möglichkeiten, die der Beruf biete. „Ich könnte danach auch Zimmerer werden, müsste keine zusätzliche Ausbildung mehr machen, sondern bräuchte nur eine Weiterbildung. Und es ist toll, wenn man sich zu Hause selbst helfen kann und nicht extra einen Handwerker rufen muss, wenn zum Beispiel die Tür schief hängt.“ Die Vielfältigkeit gefällt ihm. „Man arbeitet mit allem: Treppen, Trockenbau, maurern, Fliesen verlegen – grob gesagt, lernt man, wie man ein Haus zu bauen hat“, erzählt Oliver Kigele begeistert.
„Wir machen alles“ 
Zur Ausbildung gehören jährlich auch drei überbetriebliche Lehrgänge von ein bis zwei Wochen. „Das sind dann Maschinenlehrgänge, Oberflächenbehandlungen wie Lackieren und Beizen. Viele Betriebe machen das nicht mehr, da heute oft Kunststoffe statt Holz genutzt werden“, erklärt Holger Schwede. Viele hätten sich spezialisiert. „Wir machen alles“, sagt der Tischlermeister.
So konnte Oliver Kigele bereits Fenster und Zimmertüren einbauen und Vinylböden verlegen. „Immer mit anderen Gesellen mitgehen und gucken – ganz viel abgucken“, sei während der Ausbildung wichtig, um so viel wie möglich zu lernen, sagt Holger Schwede. „Es wird mit den Augen geklaut.“
Vergleicht der Tischlermeister die heutige Ausbildungszeit mit seiner eigenen, ist sein Empfinden, dass es früher anstrengender gewesen sei. „Die zu erbringende Leistung war größer; es war auch etwas ruhiger, man war nicht andauernd erreichbar. Das ist heute das Stressige. Und die Vielfalt an Materialien ist größer geworden.“
Geblieben ist das Gesellenstück am Ende der Ausbildungszeit. Die Vorbereitung darauf würde die gesamte Ausbildung über gehen, sagt Oliver Kigele. Er habe allein innerhalb von zwei Wochen so viele Ideen gehabt, dass er sie irgendwann nicht mehr aufschrieb, immer wieder sei ihm etwas Neues eingefallen. Jetzt sei es aber doch schon konkreter: Er möchte einen Tisch entwerfen.
Der Grund sei, dass ein Tisch vielseitig zu nutzen ist. „Ein Tisch passt überall hin, man sieht viel mehr als etwa bei einem Stuhl. Bei der Prüfung möchte man ja auch etwas präsentieren“, sagt er. Es könne ein Schreibtisch mit Fässern sein, ein Wohnzimmertisch oder ein kleinerer Tisch, der im Innen- und Außenbereich für alles Mögliche genutzt werden könnte. Die Entscheidung muss er allerdings erst nach dem kommenden Sommer treffen. Für die Umsetzung seines Gesellenstücks wird er dann zwei Wochen Zeit haben. Vorgeschrieben seien Tür und Schubkasten, ergänzt Holger Schwede, dessen Gesellenstück einst eine Haustür war. Diese werde auch noch immer genutzt: Am Haus seines Vaters, von dem er die Tischlerei übernommen hat. -jeg-