„Alles eine Sache von Minuten“

Flugplatz Langeoog: Seit 50 Jahren starten die Mitglieder des Luftsportverein Langeoog e.V. von hier.50 Jahre Luftsportverein Langeoog e.V.:
Erlebnisse über den Wolken

Drei Geburten hat er auf seinen Flügen miterlebt. Damals war er auf Langeoog als Pilot für Krankentransporte zuständig. Während er geflogen ist, hat sich eine Mitarbeiterin des Inselarztes um die Entbindung gekümmert. Eine ziemliche Aufregung sei es gewesen, erinnert sich Hans Bernhard Leiß. Man merkt dem Insulaner heute noch an, wie froh er ist, dass er damals hat helfen können. Er ist 1939 geboren. Seinen Flugschein machte er 1972 in Oerlinghausen bei Bielefeld, auf dem seinerzeit größten Segelflugplatz Europas. Nach 14 Tagen Intensivkurs hatte er den Schein.

Holger Schwede hat seinen Flugschein 1989 nach dem Fall der Mauer gemacht. Er lebte zu der Zeit in Berlin. Nach Feierabend lernte er für den Schein. Ein Jahr dauerte es, bis er ihn bekam. Seit 1997 ist der Tischlermeister wieder zurück auf der Insel und seit mehr als 20 Jahren im Luftsportverein Langeoog e.V. Der wurde 1973 gegründet. Hans Bernhard Leiß war Mitbegründer des Vereins und lange Zeit dessen 1. Vorsitzender. Das Amt hat Holger Schwede inzwischen übernommen.
In diesem August haben die Mitglieder ihr 50-jähriges Vereinsjubiläum groß auf dem TSV-Sportplatz gefeiert – mit einem Weitflug-Wettbewerb für selbstgebaute kleine Modellflugzeuge, mit Kinderhüpfburg, Trendsportgeräten zum Ausprobieren, Imbissbuden, Musik und vielem mehr (der „Utkieker“ berichtete in Ausgabe 6/2023). 1989 bekam der Flugplatz seinen Tower. Foto: privat

Von Grasbahnen, Hilfe für Kinder
und 400 Helgoland-Flügen

Hans Bernhard Leiß war Fluglotse auf dem Langeooger Flugplatz. Der Job habe ihm unglaublich viel Spaß gemacht. „Die Fliegerei als solches“, sagt er. Beruflich hörte er mit 62 Jahren auf, privat geflogen ist er noch bis zu seinem 78. Lebensjahr. Er ist gelernter Elektriker. Irgendwann half er bei den Segelfliegern, kam so zur Fliegerei. Und dann kam eins zum anderen. Oder, wie Holger Schwede über die Vereinsgründung sagt: „Da haben sich welche zusammengetan, die geflogen sind.“

Von der Grasbahn zur befestigten Landebahn – nach mehreren Jahrzehnten war es 2001 soweit. Foto: privatHans Bernhard Leiß erzählt, dass damals einige Unternehmer im Verein waren, die selbst Flugzeuge hatten. Jedes Jahr wurde ein Ausflug gemacht. So flogen sie nach Bremerhaven und Leer, nach Föhr und Wismar. Denn Zweck des Vereins ist „der Zusammenschluss von Flugsportlern zur Förderung des Flugsports auf Langeoog, zur Teilnahme an fliegerischen Veranstaltungen und zur Förderung der flugbegeisterten Jugend.“ So die Satzung. Viele der Mitglieder hatten keinen Flugschein, aber waren vom Fliegen fasziniert. „Es gab großes Interesse. Es war neu!“, so Hans Bernhard Leiß. Gemeinsame Ausflüge gehören auch zur Geschichte des Vereins. Wie der Flug nach Kropp in Schleswig-Holstein. Foto: privat

Eine Lieblingsstrecke hat er nicht. Aber 400 Mal sei er nach Helgoland geflogen. Der zollfreie Einkauf sei verlockend gewesen. Der preiswerte Einkauf erforderte allerdings einiges an fliegerischem Geschick: „Früher hat es zum Starten und Landen nur eine 300 Meter lange Grasbahn gegeben“, erinnert er sich. Um nach Helgoland fliegen zu dürfen, musste er daher 150 Flugstunden vorweisen, zusätzlich 50 Flugstunden auf der Maschine, mit der er zur Insel wollte.
Auch auf Langeoog mussten die Piloten lange Zeit mit einer Grasbahn zurechtkommen. Oft sei sie sehr nass gewesen. „Wir hatten Wasserflugzeuge“, flachst Hans Bernhard Leiß. Er erzählt, wie der Tower 1989 gebaut und die Start- und Landebahn 2001 befestigt wurde. Und, dass der Flugplatz in seinen Anfängen bei den Insulanern nicht beliebt gewesen sei.

Das habe sich geändert: Ende der 1970er habe es eine Grippeepidemie gegeben. Viele Kinder habe er in die Klinik nach Wilhelmshaven geflogen. Mit dem Rettungsboot hätte es damals noch eine Stunde bis nach Bensersiel gedauert; der Hubschrauber war in Büsum und somit zu weit weg. Mit seinem Flugzeug benötigte Hans Bernhard Leiß 15 Minuten. Die Krankentransporte gehören zu seinen „unvergessenen Flügen“.

Trotz Regens ist die Feier, die Holger Schwede zum 50-jährigen Jubiläum des Luftsportvereins organisiert hat, nicht ins Wasser gefallen.Der Reiz des Fliegens

Für Holger Schwede ist Fliegen der Ausgleich zur Arbeit. „Es ist wie ein Miniurlaub. Du musst dich konzentrieren, da denkst du nicht mehr über den Tag nach.“ Der Reiz des Fliegens ist für ihn die Flexibilität: „Es ist alles eine Sache von Minuten.“ Nach Norderney komme er in neun Minuten, Juist und Wangerooge seien 13 Minuten entfernt, Borkum 20 Minuten.

Herausfordernd sei der Seitenwind, der auf den Inseln stärker als auf dem Festland sei. Im Herbst sei es die Nebelbildung: „Plötzlicher Seenebel kann die Sache erschweren“, so seine Erfahrung. Im Winter könne besser geflogen werden, da die Luft klarer als im Sommer sei: „Kalte Luft trägt besser. Der Motor hat dann mehr Leistung.“

Um sich auf einen Flug vorzubereiten, müsse zuerst das „Wetter eingeholt“ werden. Dann angefragt, ob der gewünschte Landeflugplatz frei ist. Außerdem werde jedes Mal die Maschine kontrolliert; nachgeschaut, ob mit der Technik alles okay und genügend Sprit im Tank ist. Und nach der Landung? „Da muss vor allem der Hauptschalter aus sein.“

-jeg-