Abschied vom Wasserturm

„Mit dem Herzen gut gesehen“: offizielle Verabschiedung von „Türmer“ Jonny Vestering am 17. Juni 2022
Abschiedsfeier auf dem Wasserturm. Es ist etwas windig an diesem Vormittag, aus dem bewölkten Himmel fallen vereinzelt Regentropfen – ein paar Tränen gehören bei einem Abschied wohl dazu. Fast 28 Jahre lang hat Jan-Gerhard Vestering, den alle liebevoll nur „Jonny“ nennen, „seinen“ Wasserturm betreut. Einen Dienst, der im Frühjahr 2022 endete und den der 85-jährige Insulaner stets mit Leib und Seele ausgefüllt hat. Daher befand die Inselgemeinde, dass Jonny auch nicht „einfach so“ gehen sollte. Und lud kurzerhand zu einer offiziellen Verabschiedung ein. Die fand am Freitag, 17. Juni statt, im Rahmen einer kleinen Feierlichkeit.
Und so füllte sich um 11 Uhr die Plattform rund um den Wasserturm: Familie, Freunde, Stammgäste, Vertreter aus Rat und Verwaltung, kurz: Weggefährten – sie alle kamen zu der Feierstunde. „Einerseits bin ich gern hier, um einen würdigen Abschied zu gestalten. Andererseits aber auch ungern, denn: Was wäre der Wasserturm ohne Jonny?“, begann Bürgermeisterin Heike Horn ihre Ansprache, in der sie die        Tätigkeit des Geehrten beleuchtete.
Als er 1994 aufgrund einer Sehschwäche vorzeitig in Ruhestand gehen musste, habe Jonny sofort den Wasserturm „erobert“ und seine Begeisterung an die Gäste weitergegeben. Lange Zeit, so die Bürgermeisterin, habe er dafür gesorgt, dass rund 800.000 Gäste das Langeooger Wahrzeichen „live erlebt“ hätten. Bekannt sei er auch, mit beeindruckender Bilanz von 1.500 Toren, als Langeooger Fußball-Legende: Nach ihm seien das TSV-Stadion und die Straße dorthin benannt. „Folgerichtig wurde er 2009“, so Heike Horn, „von meinem Vorvorgänger Hans Janssen ‚vom Stürmer zum Türmer‘ ernannt.“
Im Wasserturm habe Jonny den Gästen alles Wissenswerte über Langeoog erzählt und sie so mit dem Herzen über die Insel geführt. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, zitierte Heike Horn den Roman „Der kleine Prinz“. Und schloss mit einem herzlichen Dankeschön: „Jonny, Du bist verewigt in allen Herzen!“ Anschließend überreichte die Bürgermeisterin dem scheidenden Türmer eine gehaltvolle Torte mit Wasserturm-Motiv.
Die passende musikalische Begleitung der Feierstunde besorgten Eva Funke, Ursel Reinboth und Herbert Burmester von den Langeooger Dünensängern. Während der offiziellen Verabschiedung war der Wasserturm nicht zugänglich. Doch Gelegenheit gab es für Gäste gleich im Anschluss: Zahlreiche Besucher strömten nach oben, um die Aussicht zu genießen und sich von „ihrem“ Jonny zu verabschieden. Der hatte für sie noch eine Überraschung parat: Autogrammkarten als kleines Präsent zur Erinnerung.
Jonny Vestering: Ein Mann – ein Turm
Zwei Gebäude prägten Jonny Vesterings Leben – und er prägte sie. 1937 geboren, war der gelernte Maler von 1961 bis 1994 als Hausmeister der Inselschule tätig. Ganzen Generationen des Langeooger Nachwuchses galt er als väterlicher Freund und – Stichwort Fußball – sportliches Vorbild. Nachdem ihn ein Augenleiden vorzeitig in den Ruhestand zwang, nutzte er diesen sinnvoll – in „seinem“ zweiten Gebäude. „Herr des Wasserturms“ wurde Jonny Vestering im August 1994. Erst im Vormonat hatten ihn, bei seiner offiziellen Verabschiedung, der damalige Gemeindedirektor und dessen Stellvertreter angesprochen: Ob er nicht Lust habe, den Wasserturm zu betreuen? Er hatte. Und trat zügig den Dienst an.
Den Wasserturm kennt Jonny Vestering in- und auswendig: „1909 wurde er eingeweiht, vom Boden bis zur Spitze misst er 18 Meter. Der 100.000-Liter-Behälter versorgte bis 1996 die Insel mit Wasser“, nennt er die Antworten auf die häufigsten Fragen zahlloser Gäste.
Zum Wasserturm gehören auch schöne Geschichten, wie Jonny zu erzählen weiß. Just am Beginn seiner Türmer-Karriere etwa hatte hoch oben auf dem insularen Wahrzeichen ein ­junger Mann seiner Liebsten einen Heiratsantrag gemacht: „Im Oktober 2019 kam das Paar wieder, um auf Langeoog seine Silberhochzeit zu feiern.“ Der Wasserturm als Ehestifter …
Manch ein Gast fragte auch etwas enttäuscht: „Kennen Sie mich nicht mehr? Ich war doch vor fünf Jahren bei Ihnen auf dem Turm.“ In solchen Fällen bat Jonny Vestering um Verständnis, dass er bei bis zu 30.000 Besuchern pro Jahr nicht jedes ­Gesicht im Gedächtnis behalten konnte.
Den nötigen Überblick hatte der Turmwärter dennoch: dank zehn großer „Eintrittsscheiben“, die er an die Aufsteiger verteilte und beim Verlassen wieder einsammelte. Mitunter gefiel es einigen Besuchern oben so gut, dass sie, zum Missfallen der unten Wartenden, das Herunterkommen „vergaßen“. Dann war es an Jonny Vestering, die Säumigen höflich herab auf den „Boden der Tatsachen“ zu holen.
Nun hat Jonny Vestering wieder mehr Zeit für seine Frau Christa, mit der er seit 1958 glücklich verheiratet ist. Dann ­wartet zu Hause noch der Garten, in dem übrigens ein kleiner Wasserturm steht. Apropos: Vermisst er die „Türmerei“? Im Notfall würde er selbstverständlich einspringen, sagt Jonny Vestering diplomatisch. „Ich habe mich im Wasserturm immer wohlgefühlt. Er war mein zweites Zuhause“, bekennt er. „Der Weg dorthin, die Stufen hinauf und herab, das war mein tägliches Training.“ Und: „Ich möchte allen Gästen danken, die in der ­langen Zeit auf den Turm gekommen sind. Und mit denen mich viele Erlebnisse verbinden.“ -köp-