Willrath Dreesen – der Literat unter den Bürgermeistern Langeoogs

Ein facettenreiches Leben: Schriftsteller, Verlagsleiter, Organisator der ersten ostfriesischen Dichtertagung
Nicht nur Langeoog hat Willrath Dreesen viel zu verdanken, sondern auch die Literatur. Denn der Mann, der von 1924 bis 1928 als Bürgermeister und später als Kurdirektor erfolgreich die Geschicke der Insel lenkte, war im Grunde seines Herzens ein Schriftsteller. Lyrik, Prosa und Dramen prägten sein Leben in jungen Jahren. Und dann wieder ganz spät im Alter, als er nach einem bewegten Leben, das von zwei Weltkriegen geprägt war, mit 70 Jahren als Pensionär nach Langeoog zurückkehrte und für kurze Zeit nochmals Kurdirektor der Insel wurde.
Wegweisende Entscheidungen
Man könnte viel über den Politiker Dreesen schreiben, der in den 1920er-Jahren an der Spitze der Verwaltung wegweisende Entscheidungen für die Insel traf: Die Gemeinde übernahm damals selbst das Tourismusgeschäft und wurde ebenfalls zum Betreiber der Schifffahrt. Zwei Dinge, die bis heute noch Bestand haben in den zwei Eigenbetrieben der Insel – und einen Bürgermeister auf Langeoog immer auch zum Betriebsleiter zweier Unternehmen machen.
„Für mich ist der politische Willrath Dreesen bis heute eine Ikone, weil er Meilensteine der Inselgeschichte geschrieben hat“, so Hendrik Tongers von der Historikerfamilie der Insel, der sich ausführlich mit dessen Wirken beschäftigt hat und, selbst langjähriges Ratsmitglied, viel über die Auseinandersetzungen Dreesens mit diesem Gremium weiß. Diese führten 1928 zur Amtsniederlegung von Dreesen und nachfolgend zu einem öffentlichen Schlagabtausch der politischen Gegner.
Studien- und Wanderjahre
Im Mittelpunkt dieses Beitrags soll jedoch der die Literatur ­liebende und schreibende Willrath Dreesen stehen. Er war Ostfriese, am 14. Mai 1878 als Sohn eines Kolonialwarenhändlers in Norden geboren. Nach dem Abitur zog es ihn 1898 zum Theologiestudium nach Göttingen, dann nach Marburg, Basel und schließlich Bonn. Dort beschloss er 1902 Germanistik, ­Philosophie und Literaturgeschichte zu studieren. 1905 promovierte er mit einer Arbeit über Theodor Storm. Um den ­Lebensunterhalt für sich und seine kleine Familie zu bestreiten (er hatte 1907 geheiratet und einen kleinen Sohn bekommen), unterrichtete er als Lehrer am Pädagogicum in Godesberg und machte Vortragsreisen. 1913 wurde er Lektor für Sprechkunst und Ästhetik an der Universität Frankfurt/Main.
In diesen Jahren des frühen 20. Jahrhunderts entstanden seine wichtigsten literarischen Werke: „Meer, Marsch und Leben“ (1904), ein von Storm inspirierter Gedichtband; „Eala freya ­fresena“ (1906), ein Buch mit Balladen über die Zeit der ost­friesischen Häuptlinge, das ihn bekannt macht. 1910 kommen gleichzeitig ein Drama, „Sturmflut“, der erfolgreiche Roman „Ebba Hüsing“ und ein Band „Gedichte“ von ihm heraus. Mehr als vierzig Jahre sollte es dann dauern, bis seine Witwe 1953 posthum unter dem Titel „Eisvogel“ sein Spätwerk veröffentlicht, einen Band mit 47 Gedichten.
1914 ist ein entscheidendes Jahr für den 36-jährigen Dreesen. Er verbringt den Inselfrühling auf Langeoog im „Haus Pogg­fred“, dem Haus der Familie seiner späteren, zweiten Ehefrau Maria Kugel. Mit der Fabrikantentochter, die er nach seiner Scheidung 1919 heiratet, wird er einen weiteren Sohn und eine Tochter haben.
Über diese Monate im April und Mai 1914 schreibt er ganz ­bezaubernd in einem Sonderabdruck. Der Beitrag mit dem Titel „Inselfrühling“ erscheint in der Pfingstnummer des Literatur- und Unterhaltungsblatts der „Kölnischen Zeitung“ vom 31. Mai. Noch ist Frieden, und sein Text quillt über vor Glück und dem paradiesischen Zustand, den ihm das Erwachen der Natur vermittelt. Nur wenige Monate später geht es für ihn in den Ersten Weltkrieg.
Zwischen Langeoog und Leipzig
Danach wird alles anders sein. Neben den privaten Änderungen im Leben zieht es ihn 1919 nach Leipzig zum bekannten Reclam Verlag. Über seine Funktion dort gibt es unterschiedliche Angaben: Redakteur, Lektor, Verlagsdirektor. In dieser leitenden Rolle mag er wohl ausgeschieden sein.
Denn 1924 zieht es ihn als neuen Gemeindevorsteher nach Langeoog. 1926 errichtet er sich sein kleines Refugium in den Dünen oberhalb der heutigen, nach ihm benannten „Willrath-Dreesen-Straße“ – der Verlängerung der Barkhausenstraße, die bis hinaus zum Deichschart läuft. Es diente ihm in seinen Langeooger Jahren als „Schreibklause“, als stiller Ort des Rückzugs. Auch wenn die Zeit als führender Kopf der Gemeinde es nur noch selten zuließ: So ganz hat er der      Literatur und Dichtung dann doch nie den Rücken gekehrt.
Auch an der Insel Langeoog hing weiter sein Herz, die er nach politischen Querelen verließ, um 1930 als Kurdirektor nach Bad Lausick bei Leipzig zu gehen. Fast zwanzig Jahre später, nach seiner Pensionierung 1948, kehrte er im März 1949 wieder zu ihr zurück.
Ostfriesische Landschaft und Literatur
Und setzte sich sofort wieder für die Literatur ein: 1949 wählte man Dreesen zum Leiter der Gruppe Schrifttum bei der Ostfriesischen Landschaft (OL = eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die kulturelle Aufgaben in Ost- friesland wahrnimmt). 1950 wurde Langeoog dann zum Austragungsort der ersten ostfriesischen Dichtertagung, die Dreesen leitend organisierte. In einem Grundsatzreferat sprach er sich für eine moderne ­Heimatdichtung aus, die sich nicht nur der Vergangenheit ­zuwenden solle und sich auch nicht auf die regionalen Grenzen beschränken müsse. Auch sei das Schreiben im Dialekt für ­gelungene Heimatliteratur eine Möglichkeit neben dem Hochdeutschen, aber nicht zwingend. Heimattümelei war nicht sein Ding – und damit hat Dreesen seine Heimat Ostfriesland auch einem überregionalen Lesepublikum nahegebracht.
Willrath Dreesen, der kurz nach der Dichtertagung auf Langeoog am 14. August 1950 im Alter von 72 Jahren an einem Herzschlag plötzlich verstarb, lohnt eine Wiederentdeckung. Insbesondere auf Langeoog, die wie kaum eine andere der Ostfriesischen Inseln eine Insel der Literaten und Literatur ist: Vom aktuellen Krimibestsellerautor Klaus-Peter Wolf über die Königin der Kurzgeschichte, Gabriele Wohmann, bis zum Literaturnobelpreisträger Rudolf Eucken – sie alle haben ihre Kreativität auch von dieser Insel bezogen, zu der sie sich immer besonders verbunden fühlen und fühlten.
Übrigens: Das Haus mit dem auffälligen halbrunden Tonnendach, die Schreibklause Willrath Dreesens, blitzt noch heute auf der Düne zwischen den Kiefern hervor. Heute sind es seine Enkelinnen aus Hannover mit ihren Familien, die den Fernblick im Familiennest genießen. Sie haben für diesen Artikel einige Bilder mit historischem Seltenheitswert aus ihrem privaten ­Archiv zur Verfügung gestellt. Der Utkieker sagt dafür nochmals „Herzlichen Dank“! -Petra Wochnik-