Ein schwieriges Kapitel: Die Praxis der Kinderkur- Verschickung

Langeoog half Betroffenen-Initiative bei persönlicher Aufarbeitung und Spurensuche
Auf Langeoog wurden bereits sehr früh, 1946, vom Hilfswerk der freien Wohlfahrtsverbände Hannover e. V. Heime für Kinderkuren betrieben. Anfangs, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ging es darum, Kinder aus ausgebombten Städten an der gesunden Nordseeluft wieder aufzupäppeln.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich daraus, und nicht nur auf Langeoog, eine überaus gängige Praxis staatlicher Gesundheitsfürsorge für Kinder – die sogenannte „Kinderkur-Verschickung“. Bis in die 1980er-Jahre wurden bundesweit, von der See bis in die Alpen, mehr als acht Millionen Kinder im Alter zwischen zwei und vierzehn Jahren ohne Eltern auf eine nicht selten sehr weite Reise geschickt. Die Kuren waren öffentlich bezuschusst und wurden von den Kinderärzten in Deutschland wegen Untergewicht, Atemwegsproblemen oder auch bei schlechten sozialen Verhältnissen verordnet.
Doch statt Fürsorge zu erhalten, litten viele Kinder in den meist sechswöchigen Kuren unter militärischer Disziplin, Essenszwang oder öffentlicher Bloßstellung, wenn sie etwa vor lauter Heimweh ins Bett machten oder nicht schlafen konnten. Längst nicht jedes der Millionen Verschickungskinder musste das erfahren. Doch es sind beileibe auch nicht nur Einzelfälle, die Traumatisches in dieser Zeit erlebt haben. Seit etwa drei Jahren gibt es in Deutschland die „Verschickungskinder-Initiative“, in der sich immer mehr Betroffene austauschen (mehr dazu auf www.verschickungsheime.de).
„Licht ins Dunkel der Erinnerung“ zu bringen, darum geht es auch einigen Betroffenen der für Langeoog insgesamt 40 Köpfe zählenden Initiative. 13 von ihnen kehrten Mitte Februar, in Begleitung und am stürmischsten Wochenende des Winters, wieder zurück auf eine Insel, an die sie keine guten Kindheitserinnerungen haben. Es war für jeden und jede Einzelne eine ganz persönliche Zeitreise, wie auch ihre dazu verfasste „Erklärung der Langeooger Verschickungskinder“ zeigte:
„Wir wollen Aufklärung, vornehmlich für uns selbst, aber wir wollen auch der Öffentlichkeit deutlich machen, was im Namen der Gesundheitsförderung für Kinder passieren konnte. Wir wissen, dass ,Fürsorge für Kinder’ in Deutschland, auch nach 1945, oft lange weiter in einer unseligen Tradition praktiziert worden ist. Wir Verschickungskinder haben das, was uns jeweils widerfahren ist, lange für ein zufälliges Einzelschicksal gehalten. Durch die Initiative ist mittlerweile deutlich geworden, dass es weit verbreitete Strukturen waren und Millionen von Kindern verschickt wurden. Sicher ist einiges im Umgang mit Kindern der damaligen Zeit geschuldet, doch der Blick auf die Bedürfnisse und Nöte von Kindern ist in Deutschland mittlerweile ein anderer geworden.“
Organisiert hatte den mehrtägigen Trip die Hamburger Journalistin Marina Friedt, die als ehemaliges Langeooger Verschickungskind auch persönlich betroffen ist. Zusammen mit Manfred Gräber, dem Langeoog-Koordinator der bundesweiten Initiative, hatte sie bereits vorab viele Fakten zu den Kinderkuren auf Langeoog gesammelt. Mit einem Transport von 971 Kindern fing es im Mai 1946 an, in der Hochzeit trafen alle vier bis fünf Wochen etwa 1.200 Kinder auf Langeoog ein. Langeoog war damals wahrlich eine „Kinder-Insel“. Von der AWO, dem Roten Kreuz, der Diakonie und der Caritas wurden von 1946 bis 1975 vier Kinderheime betrieben. Hinzu kamen noch eine Reihe privater Häuser und Hotels, die Kurkinder aufnahmen.
Insbesondere die Caritas engagiert sich heute sehr in der Aufarbeitung dieser Zeit. Anlässlich des Besuches der Initiative auf Langeoog, bat Achim Eng, Caritas-Direktor der zuständigen    Diözese Hildesheim, am 19. Februar in einer Presseerklärung die ehemaligen Verschickungskinder um Verzeihung:
„Ich möchte mich im Namen der Caritas für das entschuldigen, was Ihnen in solchen Kuren als Kinder widerfahren ist. Statt Fürsorge und Verständnis, rüde Behandlung und Herzlosigkeit bis hin zu schwarzer Pädagogik. Sie gehören zu denjenigen, die die traumatischen Erlebnisse aus ihrem Leben nicht auslöschen können. Ich kann Ihnen die Last der Erinnerung leider nicht abnehmen, sondern kann nur mein Bedauern zum Ausdruck bringen und um Verzeihung für das Geschehene bitten.“
Vor Ort kümmerte sich die Leiterin der Langeooger Caritas-Einrichtung, Andrea Eberhardt-Soumagne, mit großer Hilfsbereitschaft und Einfühlungsvermögen um die Gruppe. Es war ein spezieller Rundgang ausgearbeitet, der zusätzlich mit der Psychologin Yvonne Pingel begleitet wurde. Zur Caritas-Klinik gehören heute das Haus Sonnenschein, das Dünenheim (von der DRK übernommen), das Flinthörnhaus (von der Diakonie übernommen) und bis 1999 das Haus Möwennest.
Auch das heutige „Haus Kloster Loccum“ gehörte zu den Orten, denen man gemeinsam einen Besuch abstattete. Hier führte der Leiter Thomas Behncke durch das gewaltige Gebäude, das heute von der „Inneren Mission“ als gemeinnütziges Hotel für den erschwinglichen Urlaub mit Kindern geführt wird. Die  Spurensuche führte auch zum ehemaligen Haus Bodelschwingh in der Mittelstraße oder dem Haus Friesenheim, dem heutigen Haus Ostwind der AWO.
Insgesamt gestaltete sich das Entdecken und Zuordnen der ehemaligen Kinderkurhäuser und -heime auf Langeoog im Einzelfall schwierig. Dazu gab es über die Jahre zu viele Wechsel von Trägern und Betreibern, wurde hier abgerissen, dort neu gebaut. Umso wichtiger war der Gruppe der Besuch des Langeooger Heimatmuseums, dem „Seemanshus“. Und tatsächlich: Erhard Nötzel, Vorsitzender des Heimatvereins, konnte helfen. Dank historischer Bilder, die auf der neuen digitalen ­Medienstation im Museum direkt zugreifbar waren, fanden zwei Verschickungskinder das Kinderheim ihrer leidvollen ­Erinnerung auf alten Plänen wieder.
Der Heimatverein sagte weitere Hilfe zu und steht im Kontakt mit der Verschickungskinder-Initiative. Er hat dabei auch die deutliche Unterstützung von Heike Horn, die die Betroffenen Langeoogs zu einem ausführlichen Gespräch im Rathaus begrüßte. Ein seltenes schriftliches Dokument aus jener Zeit, der Beschwerdebrief eines besorgten Vaters und die heute fassungslos machende Antwort aus dem Haus Bodelschwingh, erschütterte nicht nur die vorlesende, damals fünf Jahre alte Tochter aufs Neue, sondern auch die Bürgermeisterin: „Es ist gut und richtig, zur Sprache zu bringen und sichtbar zu machen, welches Leid Kinderseelen zugefügt wurde, welcher Machtmissbrauch teilweise über viele Jahre auch auf unserer Insel stattgefunden hat. Davor kann man die Augen nicht verschließen.“
Ins öffentliche Bewusstsein wird das Thema Kinderverschickung in Zukunft wohl vermehrt dringen: Neben den Betroffenen-Initiativen, die seit 2019 öffentlichkeitswirksam die Stimme erheben, hat sich ein Themennetzwerk Kinderverschickung der freien Wohlfahrtsverbände gebildet – in dem sich auch die Caritas engagiert. Es unterstützt ein Forschungsprojekt der Deutschen Rentenversicherung zur Geschichte der „Kindererholungskuren“ von 1945 bis 1989. Dessen Ergebnisse geben dem Thema wahrscheinlich bald erneute bundesweite Aufmerksamkeit.
Immer interessiert ist natürlich auch die Langeoog-Gruppe der Verschickungskinder-Initiative an Informationen aus der Zeit der Kinderkuren. Wer bei der Aufarbeitung mitmachen will und dabei vielleicht hilft, so manche gequälte Seele zu erleichtern, der kann sich gerne an die Langeooger Heimortgruppe der­ Initiative, langeoog@verschickungsheime.de, oder direkt an ­Marina Friedt wenden (Tel. 0170 / 9020 224). Kommunikation ist wichtig – und kann hier ungemein befreiend wirken. -pw-