„Großer Philosoph“ am Bahnhof

Stammgast und Mäzen Bernd-Artin Wessels stiftet
Bronzeplastik – Enthüllung im Park am 2. Oktober
Um ein Kunstwerk reicher ist der öffentliche Raum von Langeoog. Am 2. Oktober 2020 wurde im Park vor dem Bahnhof die von Prof. Bernd Altenstein geschaffene Bronzeskulptur „Figur 1 – Großer Philosoph“ enthüllt. Dazu eingeladen hatten Prof. Dr. Bernd-Artin Wessels und seine Frau Elke aus Stuhr bei Bremen, die der Inselgemeinde die Skulptur im Rahmen einer nachmittäglichen Feierstunde als Schenkung übergaben.
„Gemeinsam nach vorne denken“
In seiner Begrüßung nannte Artin Wessels zwei Gründe für die Schenkung: Zum einen, so der Mäzen mit leichtem Augenzwinkern, gebe es auf Langeoog bislang noch zu wenig Kunst im ­öffentlichen Raum. Eine erste Abhilfe wolle man mit dem „Philosophen“ schaffen: Sein Schöpfer Bernd Altenstein zähle zu den führenden bildenden Künstlern im Bereich figürlicher Plastik. Zweiter Grund sei der Dank an Insulaner und Gemeinde, dass „meine Frau und ich
seit vielen Jahren mehrmals im Jahr hier Urlaub machen dürfen, um Erholung und Freude zu finden.“ Er sei vor 60 Jahren, seine Frau vor 65 Jahren das erste Mal nach Langeoog gekommen, inzwischen habe man hier viele Freunde gefunden.
Verbunden mit dem Wunsch, für Langeoog etwas Besonderes zu tun, war Artin Wessels’ Dank an die Beteiligten, die diese Aktion ermöglichten. Dazu zählten das Team um Bauunternehmer Onnen Schreiber und die Firma Eckhardt sowie Ralf Heimes und Martin Wirdemann von der Inselgemeinde. Dieses Projekt habe Menschen von der Insel und dem Festland zusammengeführt. In diesem Sinne sei auch die Aussage der Skulptur „Großer Philosoph“ zu verstehen: „Gemeinsam nach vorne blicken und denken.“
„Skulptur ein schöner Willkommensgruß“
„Ich freue mich, stellvertretend für die Inselgemeinde hier eine ‚neue alte Bekannte‘ in Empfang nehmen zu dürfen“, hob Bürgermeisterin Heike Horn in ihrem Grußwort die Beziehung des Kunstwerks zu Langeoog hervor. Neu sei die Skulptur an diesem Platz vor dem Bahnhof; eine alte Bekannte indes, da sie zuvor 15 Jahre lang auf dem Wesselsschen Anwesen auf der Insel gestanden habe. Man könne sie deshalb mit Fug und Recht als Langeoogerin bezeichnen, wie auch Elke und Artin Wessels gewissermaßen Langeooger seien: „Sie tragen die Insel in ihrem Herzen.“
Zudem würdigte Heike Horn die Rolle von Artin Wessels als Unternehmer, Senator, Reeder, Mäzen und Stiftungskurator, der „mit persönlichem und finanziellen Einsatz“ die Insel auf vielfältige Weise unterstützt habe, etwa als Mitbegründer des Langeooger Golfplatzes. Nun dürfe man die Bronze entgegennehmen: „Sie erscheint wie durch Wind und Sturm geglättet. Gleichzeitig spürt man Ruhe und Gelassenheit, die von ihr ausgeht. Für Langeoog ist die Skulptur ein schöner Willkommensgruß bei der Ankunft am Bahnhof“, unterstrich die Bürgermeisterin den herzlichen Dank der Inselgemeinde für die großzügige Schenkung.
„Aspekt der Gelassenheit“
Abschließend gab Prof. Bernd Altenstein aus Worpswede eine kurze Einführung in sein Werk, das, seine Werkreihen „Bürger im Block“ und „Auf schmalem Grat“ aufgreifend, im Jahr 2000 entstand. „Wir neigen dazu, uns abzuschirmen – mit zwei Konsequenzen: Einerseits fühlen wir uns sicher, andererseits binden wir uns. Dabei bewegen wir uns auf einem immer schmaleren Grat“, gab der Künstler einen Interpretationsansatz. Wichtig sei ihm auch der Aspekt der Gelassenheit gewesen: „Dieser Philosoph ist nicht hektisch, sondern überlegt und ruhig.“ Wesens­züge, über die nachzusinnen sich lohnt. Und das nicht nur am Bahnhof. -köp-
Auf schmalem Grat: „Figur 1 – Großer Philosoph“
Nein, es ist nicht Picasso. Auch nicht Charles de Gaulle, wie ein Besucher vermutete. Die neue Bronzeplastik im Park vor dem Bahnhof stellt niemand Bestimmtes dar. Sie heißt „Großer Philosoph“ und will dementsprechend, zur inneren Einkehr einladend, auch das Nachdenken anregen. Doch es liegt wohl in der Natur des Menschen, Vertrautes im Fremden zu suchen, Gesichtern einen Namen zu geben. 
„Der Kopf ist kein Porträt, er entsteht vielmehr aus der Struktur heraus“, betont Bernd Altenstein. Dabei entwickelt sich eine bildhauerische Idee wie „Großer Philosoph“ oft langsam: „Manche Ideen schmoren jahrelang im Hinterkopf, ehe sie Gestalt annehmen. Es dauert, bis die Idee ihre Form gefunden hat.“ Auch der Produktionsprozess braucht Zeit: Im Jahr 2000 ersonnen, wurde die Form der 348 Kilogramm schweren Skulptur zunächst in Gips aufgebaut und dann 2003 im Sandgussverfahren bei Harms in     Oldenburg gegossen. 2005 schließlich kam die Bronzeplastik nach Langeoog.
„Großer Philosoph“ ist eine fast scheibenhaft schmale Skulptur, die einen in einem blockartigen Sessel sitzenden Mann zeigt. Ob ihn der Sessel trägt oder einschließt? Jedenfalls scheint sich der „Philosoph“ mit seiner Situation arrangiert zu haben. Er strahlt Abgeklärtheit aus. Dass immer wieder Passanten vor ihm stehen und, kopfnickend oder -schüttelnd, über ihn diskutieren, stört ihn nicht. Im Gegenteil: Könnte er lächeln, er würde es tun. Vielleicht.
Bernd Altenstein …
kam 1943 in Schloßberg/Ostpreußen zur Welt. „Ich habe schon seit der Vorschulzeit gezeichnet, später auch gemalt und modelliert“, erzählt er am Rande der Skulpturenenthüllung. Das Inte-resse am Figürlichen blieb. Nach der Schule machte er ein bildnerisches Praktikum, studierte Bildhauerei in Stuttgart, war ab 1970 wissenschaftlicher Assistent an der TU Braunschweig. „Am Lehrstuhl für Architektur habe ich viel für meine Bildhauerei gelernt.“ Ab 1975 lehrte er als Professor an der HfK Bremen im Studiengang Freie Kunst, wo er die figürliche Bildhauerei prägte. 1983 begann er seine Werkreihe „Bürger im Block“. Deren Thema ist die bürgerliche Lebens- und Arbeitswelt und die damit einhergehende Fesselung des Menschen mit allen physischen und sozialen Auswirkungen. In jüngerer Zeit folgte die Werkgruppe „Auf schmalem Grat“. Seit seiner Emeritierung 2009 ist Bernd Altenstein als freischaffender Bildhauer in Worpswede tätig, in einem Gemeinschaftsatelier mit seiner Frau, der aus ­Carolinensiel stammenden Bildhauerin Gisela Eufe. -köp-