„Eigentlich eine Ode an Langeoog“

Neues Album „Nachtstücke“ von Hajo Sanders –

239-2„Utkieker“-Gespräch mit dem Musiker und Komponisten Die Langeooger Musikszene ist vielfältig. Sie reicht von Volksliedern über Shantys und Folk bis Kirchenmusik – und sie reicht weit über Langeoog hinaus. Bis Amsterdam, um genau zu sein. Denn dort lebt Hajo Sanders. Der Buten-Langeooger Jahrgang 1969 arbeitet in den Niederlanden als freiberuflicher Musiker. Er ist gefragt, hat gut zu tun. So kam es, dass sein neues Album „Nachtstücke“, das Anfang Februar erschien, bis zu seiner Vollendung eine Woche – und sieben Jahre brauchte. „Nachtstücke“ ist ein ruhiges, zum Zuhören zwingendes Album, mit einem nachdenklichen bis vorwitzigen Solo-Piano, sphärischem Synthesizer und flüsternder Percussion. Hajo Sanders spielt alle Instrumente, hat mit eigenen Fotos auch das CD-Booklet selbst gestaltet. Die Langeooger Schneelandschaft auf dem Cover gibt die Stilrichtung der elf Stücke vor. Die tragen Titel wie „Eiszeit“, „Irrlicht“, „Unterwegs“ und „Niemandsland“. Langsame Bass-Akkorde, überbrückt von gleitend-perlenden Figuren, erzeugen Harmoniefolgen wie schwebende Klangteppiche, die Assoziationen wecken und Bilder voll freundlicher Melancholie beschwören. Gegliedert wird das Album durch zwei Singstücke, die Annette de Rozarios lyrischer Sopran ausfüllt. Eines ist Rainer Maria Rilkes „Lied vom Meer“, von Hajo Sanders vertont. Das andere ein weltberühmter Klassiker, den man aber so noch nie gehört hat: „Lili Marleen“. Hier scheint es weniger ein Lied zu sein als vielmehr die Erinnerung an ein solches. Schließt man beim Hören die Augen, sieht man ein verfallenes Hotel vor sich, in 239-1dessen verstaubter Bar ein Klimperpiano aus der Stummfilmzeit geisterhaft erklingt. Dazu singt eine bezaubernd verhallte Stimme das Lied, immer langsamer werdend, als Echo einer entschwundenen Zeit. „Nachtstücke“ ist als CD über Hajo Sandersʼ Facebook-Seite erhältlich sowie online bei Spotify abrufbar. Nähere Infos zu Künstler und Werk auf www.hajosanders.com im Internet. -köp- Wie er zur Musik kam, was sie und Langeoog für ihn bedeuten, warum sein Album „Nachtstücke“ heißt – das und mehr erzählt Hajo Sanders im folgenden Gespräch mit dem Utkieker. Du bist in Amsterdam geboren, auf Langeoog aufgewachsen und lebst jetzt wieder in Amsterdam. Was bedeutet die Insel für Dich? Die emotionale Bindung ist stark. Es hat mich mindestens 20 Jahre gekostet, mich daran zu gewöhnen, nicht mehr auf Langeoog zu leben. Ich komme gern hierher, um meine Eltern und Freunde zu sehen. Und wenn ich zurückfahre, habe ich auf dem Weg zum Bahnhof immer noch Blei in den Schuhen … Wie bist Du zur Musik gekommen? Dein Vater ist Mitbegründer des Shantychors – hat er Dich geprägt? Zur Musik bin ich nicht durch Els gekommen, sondern durch meine Oma. Die hatte eine Plattensammlung mit alten Jazz- und Klassikplatten. Mit zwölf Jahren habe ich die entdeckt und war danach nicht mehr zu halten. Pianist wollte ich werden, so lange ich denken kann. Was durchaus bemerkenswert ist, da sich in meiner Umgebung überhaupt keine Klaviere befanden – bis auf den Flügel meiner Urgroßmutter. Der wurde allerdings verkauft, als ich drei Jahre alt war. Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist, dass ich als Dreijähriger nicht an diesem Flügel sitzen durfte … Wie ging es bei Dir musikalisch weiter? Ich habe in Amsterdam, Utrecht (bei Håkon Austbö) und an der Folkwang Schule in Essen (bei Catherine Vickers) klassisches Klavier studiert. Danach habe ich in Hilversum bei Karel Boelhee und Rob Madna noch zwei Jahre Jazz studiert. Seit dem Studium bin ich inzwischen über 20 Jahre als freischaffender Musiker in den Niederlanden tätig. In dieser Zeit habe ich mit zahllosen nationalen und internationalen Künstlern zusammengearbeitet, wie zum Beispiel Three Degrees, The Weather Girls, Tavares, Tony Hadley von Spandau Ballet oder Gloria Gaynor. Die letzten fünf Jahre bin ich viel mit der holländischen Singer/Songwriterin Leonie Meijer getourt. Und 2018 war ich zum ersten Mal auf Tournee mit einem Jazz-Musical. Seit Anfang dieses Jahres konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Promotion meines Albums. Zwischendurch gibt es hier und da noch Auftritte. Ich habe auch noch ein Projekt laufen mit der holländischen Band „Mama DC“, mit der wir voraussichtlich dieses Jahr noch ein Album herausbringen werden. Klingt vielseitig. Du bist ein Allrounder? Naja, es gibt wenige Situationen, die ich als Musiker nicht mitgemacht habe. Vom klassischen Liederabend in einer Kirche über Polonaise im Bierzelt bis zu freier Improvisation in einer Kunstgalerie und Jazz in der Kneipe war eigentlich alles dabei. Neben den Konzerten und Auftritten gebe ich auch Klavierunterricht. Und in meinem kleinen Studio produziere ich neben eigener Musik auch gelegentlich für andere Künstler. Was waren Deine beruflich-musikalischen Höhepunkte? Da gab’s einige … Sicherlich meine Arbeit mit dem holländischen Volkssänger André Hazes. Inzwischen leider 15 Jahre verstorben, war er schon zu Lebzeiten eine Legende. Wir haben eigentlich nur in Stadien gespielt. Und seine Begräbniszeremonie in der Amsterdam Arena, bei der wir live vor 50.000 Menschen im Stadion und nochmal fünf Millionen vorm Fernseher gespielt haben, war ein unglaublich beeindruckendes Erlebnis. Auch meine Auftritte in Oman, Dubai und mehrmals in Tansania waren Höhepunkte sowie ein Silvester-Auftritt 2015/16 mit der holländischen Band „BZN“ in Iasi in Rumänien – ein Freiluftkonzert bei minus 13 Grad. Die Tourneen mit Leonie möchte ich ebenfalls dazurechnen. Aber es gibt auch viele kleine Momente, die man so nicht einfach nennen kann. Wenn bei einem Konzert oder Auftritt wirklich etwas passiert mit der Musik und den Menschen, dann ist das immer ein Höhepunkt. Da kann auch eine ganz gewöhnliche Hochzeitsfeier urplötzlich zu einem magischen Moment werden. Und natürlich waren auch Produktion und Release meines neuen Albums ein absoluter Höhepunkt. Wie kam es zum Album „Nachtstücke“? Eigentlich wollte ich nach „Married Horses“, das 2009 erschien, kein Album mehr machen. Aber dann bin ich im Winter 2012 doch mit dem Synthesizer nach Langeoog gefahren. Und kam bei minus 14 Grad in einer traumhaften Winterlandschaft an. Da entstand auch das Coverfoto. Innerhalb einer Woche habe ich dann die Basisideen für alle Stücke entwickelt. 239-4Dann dauerte es noch sieben Jahre, weil ich, wie eben gesagt, viel gearbeitet habe. Als „Hobby-Nebenbei-Projekt“ musste die CD oft zurückstecken. Daraus ergab sich ein anderes Problem: In sieben Jahren habe ich mich weiter entwickelt, musikalisch und persönlich, und die Stücke distanziert betrachtet. In der Richtung ist 2017 eine Menge passiert: Da habe ich viele Klavierparts neu arrangiert, aufgenommen und abgemischt. Mit dem Ergebnis jetzt bin ich sehr zufrieden. Was besagt der Titel „Nachtstücke“? Er gibt die Atmosphäre wieder, in der viele Stücke entstanden, eben nachts. Am Anfang standen Improvisationen, die ich später in Noten übertragen habe. „Nachtstücke“ ist das Gegenteil meines ersten Albums „Married Horses“. Da ist jede Tonspur vollgepackt: Viel Synthesizer und Elektronik mit Einflüssen von Wea­ther Report, elektronischer Dance-Musik und einigen klassischen Sachen. Das Album ist vergriffen, man kann es aber noch auf Spotify hören. Welche Botschaft trägt „Nachtstücke“? Zu Beginn gab es eigentlich noch keine Botschaft. Mit Klavier und Synthesizer wollte ich einfach nur Ruhe und Stille darstellen. Doch es war mir wichtig, das Album auf der Insel zu machen. Die wesentlichen Dinge sind auf Langeoog passiert und ins Album eingeflossen. So habe ich hier Landschaftsvideos gedreht, um sie der Musik zu unterlegen. Die Sequenzen passen perfekt, das ist Langeoog. Und wenn ich jetzt sehe, wie Leute auf die CD reagieren, und auch, wie gut die Fotos und Videos von Langeoog zur Musik passen, ist mir deutlich geworden: Das Album ist eigentlich eine Art Ode an Langeoog. War überhaupt nicht meine Absicht, aber ich denke, man muss das Kind auch beim Namen nennen. Es ist meine musikalische Essenz. Und „Lili Marleen“? Ich wollte ein Stück mit meinem alten Klavier machen, auf dem ich spielen gelernt habe. Das steht noch bei meinen Eltern und ist seit 25 Jahren nicht mehr gestimmt worden. „Lili Marleen“ passte perfekt dazu; ich bin mit dem Lied aufgewachsen, es gehörte zu Langeoog und zu mir. Es musste einfach aufs Album. Eine Langeooger Herzensangelegenheit, wenn man so will.