„Die Jagd soll nachhaltigen Nutzen bringen“

Mehrmals im Jahr organisiert die Langeooger Jagdgesellschaft eine Treibjagd zur Hege des Wildbestandes auf der Insel 
Durch Felder und Salzwiesen, die Dünen hoch und runter – ihr „Revier ist ein Biotop; etwas Besonderes, allein schon, weil es auf einer Insel ist“, sagt Andreas Stolle, stellvertretender Vorsitzender der Jägerschaft Wittmund und Hegeringleiter für Langeoog. Für viele Jagdgäste sei es beeindruckend „nicht mit aller Gewalt Wild auszumachen und zu strecken, sondern die Natur als solche zu erleben.“
Sie laufen zwischen 14 und 15 Kilometer an einem Tag, legen bis zu 20.000 Schritte zurück. Die bejagbare Fläche ist circa 1.600 Hektar groß. In diesem November haben sich rund 30 Männer und Frauen zu den insgesamt vier Treibjagden zur Jagd auf Langeoog getroffen. Mitte des Monats fanden die Treibjagden von der Katastrophenstraße ausgehend bis zum Ostende auf den Hellerwiesen und vom Ostende bis zur Jagdhütte in den Dünen statt. Zwei Wochen später durchs Flinthörn, vom Hafen bis an die Willrath-Dreesen-Straße und vom Pirolaweg bis zum Vogelwärterhaus. Morgens um halb neun ging es los, eingepackt in orangerot leuchtende Warnwesten, Jacken, Mützen und Käppis.

Ablauf der Treibjagd 
Im Vorfeld einer jeden Treibjagd gibt es eine Menge zu organisieren: Beim Ordnungsamt, der Nationalparkverwaltung und auch bei der Polizei werden die Treibjagden angemeldet. In diesem Jahr kamen die Corona-Maßnahmen hinzu. Fanden die ersten beiden Jagden noch unter 3G statt, galt beim letzten Termin zwei Wochen später freiwillig 2G+. Durch die Inselgemeinde werden alle Insulaner und Gäste aufgerufen, ihre Hunde vorsichtshalber an der Leine zu führen oder im Haus zu lassen; auch Katzen sollten an den Tagen der Treibjagd im Haus bleiben.
Die Jäger und ihre Hunde sind den ganzen Tag unterwegs. „Jagd ohne Hund ist Schund“, nutzt Andreas Stolle eine für Jäger gängige Redewendung. 13 Hunde hatten sie dabei. „Sie suchen das Wild, das, wenn es geschossen wurde, nicht sichtig ist und im Gebüsch, Wasser oder Gras liegt. Die Hunde wittern es und sind für das Apportieren ausgebildet.“
In der Regel wird in der Zeit von drei Stunden vor bis drei Stunden nach Niedrigwasser gejagt. „In dieser Zeit haben die Zugvögel die Möglichkeit ins Wattenmeer auszuweichen, dort wird nicht gejagt“, erklärt der Jäger. Nach jedem Treiben und einmal am Tagesende werde „die Strecke gelegt“, sagt Andreas Stolle. Das Nebeneinanderlegen der Tiere habe eine Struktur, eine Ordnung gemäß dem jagdlichen Brauchtum. „Die Wertigkeit ist aber grundsätzlich für alle Wildarten immer gleich.“ Wenn die Jagd vorbei ist, kommen die Jagdhornbläser, die für jede Wildart das Totsignal anstimmen – dem erlegten Wild wird die letzte Ehre erwiesen. Mit dem Signal „Jagd vorbei und Halali“ wird der Jagdtag dann beendet. Bis halb drei am Nachmittag haben sie gejagt, anschließend das Wild versorgt: abgebalgt, ausgeweidet, ausgespült und zum Trocknen aufgehängt. „Wir sind den ganzen Tag unterwegs und abends alle kaputt. Man merkt es an den Hunden und an den Jägern – am Ende des zweiten Tages sind sie platt“, so der Hegeringleiter.

Vereinsarbeit 
Trotzdem werde sich zum gemeinsamen Abendessen getroffen: „Geselligkeit gehört dazu, wie bei jedem anderen Verein auch“, sagt der 49-Jährige. Auf Langeoog hat die Jagd Tradition: Im März 1883 sei sie erstmals verpachtet worden, an Carl-Friedrich Eucken vom Wilhelminenhof bei Dornum, erzählt Andreas Stolle. Andere Jagdpächter seien erst in den 1920er-Jahren hinzugekommen. Der Beginn der Langeooger Jagdgesellschaft. Wagner, Flörke, Albers, Dr. Dreesen, Wissmann und Falke seien alte Namen, Generationsweitergabe der Jagd sei üblich gewesen und werde heute immer noch gerne gesehen.
Die Jagdverbände sind in mehrere Organisationseinheiten aufgeteilt: Hegering ist die kleinste Einheit der Jagdverbände. So ist der Hegering Langeoog der Jägerschaft Wittmund untergeordnet, die wiederum der Landesjägerschaft Niedersachsen und diese dem Deutschen Jagdverband. Andreas Stolle betont, dass es ihm wichtig sei zu informieren. Von der Jägerschaft gebe es ein Infomobil, mit dem sie Menschen die Aufgaben der Jagd näherbringen. „Kritik gibt es. Wir suchen aber ganz bewusst das Gespräch und sprechen die Menschen an und zeigen uns nicht als verschlossene Gruppe.“ Nachwuchsschwierigkeiten haben sie keine. Auf Langeoog seien in den letzten Jahren drei Jungjäger hinzugekommen; ansonsten sei die Mehrheit der Jäger zwischen Ende 30 und Mitte 50. Inzwischen gebe es auch immer mehr Jägerinnen, sagt Andreas Stolle.
Bei der letzten Treibjagd waren zwei Treiberinnen ohne Waffen und zwei Jägerinnen dabei. Alle zwei Jahre biete der Landkreis einen Jägerkurs an: Ein Viertel der Teilnehmer seien Frauen. Im Vergleich zu früher, einer damals relativ starken Männerdomäne, sei das viel. So hat die Jägerschaft Wittmund aktuell 690 Mitglieder, davon 70 Frauen. Auf Langeoog ist es eine Frau bei insgesamt 17 Mitgliedern.

Nachhaltigkeit der Jagd 
Der Aufwand und die Intensität der Jagd nehme insgesamt zu. So gebe es etwa am Festland immer mehr Rot- und Schwarzwild. Wichtig sei es, die Bestände kurz zu halten, damit alles verträglich und in einem ausgewogenen Verhältnis bleibe, sagt Andreas Stolle. Auf Langeoog werden jährlich um die 30 Rehe, meist in den frühen Morgen- oder Abendstunden der Sommermonate, erlegt.
Bei den Treibjagden im November haben sie überwiegend Feldhasen, Fasane, und Waldschnepfen gejagt. Das erlegte Wild verkaufen sie seit Jahrzehnten an Michael Recktenwald, der lange Zeit das Restaurant Seekrug auf der Insel betrieb und inzwischen die Inselmanufaktur gegründet hat. „Er wird auch in Zukunft den größten Teil des Wilds von uns abnehmen und in seiner Manufaktur anbieten“, sagt Andreas Stolle.
Das seien bei den Hasen so um die 100 Stück. Was darüber hinausgehe, werde an Gastronomen und Wildhändler auf dem Festland verkauft. Zugleich habe jeder Jagdgast die Möglichkeit, Wild käuflich zu erwerben. Vor Ort werden die Tiere bei Bedarf zugeschnitten, verpackt und gekühlt.
Wie viele Hasen sie überhaupt maximal schießen sollten, finden sie im Frühjahr und Herbst heraus: Nachts suchen sie mit Taschenlampen und Wärmebildkameras die Fläche ab und zählen, wie viele Hasen sich auf dieser befinden. Basierend auf dieser Zählung wird der Bestand geschätzt. „Wir wollen eine nachhaltige Jagd betreiben und den Wildbestand kontrollieren. Durch Hege und durch Pflege“, betont Andreas Stolle. „Die Jagd soll nachhaltigen Nutzen bringen.“ Hobby- und Berufsjäger seien sie nicht. „Jagd ist Berufung. Jagd ist Passion, kein Hobby. Ich möchte mein Leben lang auf Jagd gehen und der nachfolgenden Generation ein intaktes Umfeld hinterlassen.“ -jeg-