Ein versierter Gastgeber geht von Bord

Hans-Jürgen Haller gibt die Leitung des Hotels Bethanien auf Langeoog ab
Es ist eine ereignisreiche Zeit auf Langeoog, die nun für Hans-Jürgen Haller zu Ende geht. In fast 20 Jahren als Leiter des ­Hotels Bethanien Langeoog und Ferienhotels Schwedenhaus haben ihn die Besucher dort vorrangig als versierten und zugewandten Gastgeber kennengelernt, während der Pas-tor hinter den Kulissen den Umbruch der Einrichtung vorantrieb. Er schärfte das Profil des traditionsreichen Hauses mit seiner einhundertjährigen Geschichte, das heute für Nachhaltigkeit und christliche Verantwortung gegenüber der Schöpfung steht. Zum 1. Juli übergab Haller jetzt gemeinsam mit seiner Frau Birgit, seit 2006 als Assistentin der Geschäftsleitung, die gute Seele des Hauses, den Staffelstab offiziell an ihre Nachfolger.–
Diplomkaufmann Marc Deffland und Juristin Rebecca Schönheit aus Berlin können vorerst auf die Unterstützung von Hans-Jürgen Haller setzen. Er steht der neuen Leitung ein bis zwei Tage in der Woche mit Rat und Tat zur Seite, um ihnen den Einstieg zu erleichtern. Ihren Lebensmittelpunkt aber verlegen Hallers ans Festland in die Samtgemeinde Holtriem. Und das ganz still und leise: Eine große Abschiedsfeier gab es aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Auflagen für das Ehepaar nicht. Auch das 100-jährige Bethanien-Jubiläum im Mai fiel vorerst ins Wasser. Dennoch gehe er, so Haller, mit einem Koffer voll wunderbarer Erinnerungen: Allen voran wertschätze er die Begegnungen mit Gästen, und das Hand in Hand gemeinsam mit langjährigen Mitarbeitern oder Auszubildenden. „Ich habe jede Menge schöner Momente erlebt.“ Sogar die Beherbergung eines Trägers des „Alternativen Nobelpreises“ zählt dazu.
Im Dezember 2000 …
trat Haller an, um das Haus konzeptionell neu auszurichten und zukunftsfähig aufzustellen. „Es wurden neue Strategien entwickelt, denn es war ein großer Umbruch“, erinnert er sich. Bis 1996 war das Haus unter der Leitung von Diakonissen. „Ich habe im Grunde die ganze Einrichtung auf links gekrempelt.“ Nach und nach führte er den Hotelstandard und Barrierefreiheit ein. Den christlichen Hintergrund des Hauses betonte er weiterhin durch Morgenandachten und Gottesdienste, in denen der Pastor der freien Gemeinde teilweise auch selbst predigte. Er sieht sich als leidenschaftlicher Gastgeber für das bunt gemischte Publikum der Einrichtung, aber auch als erfahrener Seelsorger und Hotel­manager mit 24 Mitarbeitern.
Für Haller waren der Glaube und das Reisen schon früh untrennbar miteinander verbunden: Nach Abschluss des Theologischen Seminars 1979 und einer Zeit als Jugendpastor im Raum Stuttgart wechselte er 1989 in die Reiseabteilung eines christlich geprägten Reiseveranstalters in Süddeutschland und übernahm dort kurz darauf für zehn Jahre die Leitung. Er sammelte Erfahrungen im Management und qualifizierte sich weiter, machte seinen Touristikfachwirt und studierte berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre.
Aus ehemals 170 Betten in Mehrbettzimmern wurden im Verlauf der Jahre 127, verteilt auf 72 Einzel- und Doppelzimmer. Haller erkannte, dass Bethanien „mit einem Konferenzraum ein Alleinstellungsmerkmal auf der Insel“ hatte, dass er nutzen wollte. Die insgesamt sechs Tagungsräume sind gefragte Veranstaltungsorte für Seminare von Volkshochschulen und anderen Bildungsträgern, Vereinen und Verbänden. Auch Krimilesungen und Konzerte holte Haller nach Langeoog. Im Zuge der Umstrukturierung folgten zahlreiche Zertifizierungen, beispielsweise gab es „3 Sterne Superior“ vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Als einziges Haus repräsentiert Bethanien im Verband Christlicher Hoteliers den Nordwesten. Der Zusammenschluss besteht aus rund 80 Hotels in der Trägerschaft von Kirchen, Freikirchen und Klöstern.
Im Verlauf der Jahre …
wuchs bei Hans-Jürgen Haller die Überzeugung, dass auch ein nachhaltiges Handeln essenziell ist. Christlich zu handeln bedeute auch, den Blick für die Umwelt zu schärfen. „Als Nationalpark-Partner übernimmt Bethanien Verantwortung für die Schöpfung“, unterstreicht er. Das gehe nur „bio, regio, fair“ – also mit Produkten aus biologischem, fairem und möglichst regionalem Anbau. Trotz seines Schaffensdrangs ist Haller nicht ganz bis zum Ende der Umstrukturierung gekommen: „Den Restaurantbereich lasse ich für meinen Nachfolger.“ Doch auch dafür gebe es die fertigen Pläne bereits in der Schublade, verrät er.
Der heute 65-Jährige hat innerhalb seiner Zeit auf Langeoog auch sein privates Glück gefunden: 2006 heiratete er seine Frau Birgit und sie folgte ihm aus dem Oberbergischen Land auf die Insel. Sie machte sich unter anderem als Inselführerin einen Namen. Für den Neustart des aktiven Paares wird der Zweitwohnsitz am Festland zum neuen Lebensmittelpunkt. Beide sind naturverbunden, haben einen Hund und ein Pferd. „Wir sind viel draußen.“ Hans-Jürgen Haller hat sich überdies auch als Sport- und Fitnesstrainer zertifizieren lassen. Zum Ausgleich liest er, am liebsten Krimis oder Geschichtliches aus Ostfriesland.
Ein kompletter Rückzug aus dem Arbeitsleben komme für ihn vorerst nicht infrage: „Für den Ruhestand bin ich zu fit“, sagt er und lacht. Stattdessen widmet Hans-Jürgen Haller sich neuen Herausforderungen. Als Leiter der Außenstelle Holtriem der VHS Friesland-Wittmund organisiert und gibt er Kurse, Seminare und Workshops. Darüber hinaus steht er 15 Stunden pro Woche im Nationalpark-Haus Wattenhuus in Bensersiel den Besuchern Rede und Antwort zu Naturthemen, während seine Frau Birgit im Nationalpark-Haus Carolinensiel mitarbeitet. -su-