Ein Drahtseilakt

Strandkorb-Interview mit Olaf Hube

Olaf Hube führt seit 1994 mit Ehefrau Karin erfolgreich in zweiter Generation das Modehaus Buddelei in der Barkhausenstraße. Der Insulaner ist Vorsitzender des örtlichen Einzelhandelsverbandes und des Gewerbe- rates. Im Gespräch mit dem Utkieker nimmt er Stellung zur Corona-Krise und erklärt seine ganz persönliche Sicht.

Herr Hube, wie ist der Einzelhandel auf Langeoog durch die Corona-Krise gekommen?

Es sind massive Verluste da, die nicht mehr aufholbar sind. Dadurch ist zu viel verloren gegangen. Der Anfang war für jeden Selbstständigen hart. Da war die zu Beginn einer Saison viel zu geringe Liquidität und die bange Frage um die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter. Es mussten Weichen für die Zukunft gestellt werden: Darlehen, Zuschüsse, Kurzarbeit, all das galt es in relativ kurzer Zeit zu beantragen. Das war eine Riesenherausforderung. Extrem gut war der Zusammenhalt innerhalb der Firmen. Alle haben überlegt: Wie stehen wir das gemeinsam durch? So kam es auf Langeoog kaum zu Entlassungen.

Wie hielten die Langeooger Einzelhändler den Kontakt zu ihren Kunden auch auf dem Festland aufrecht?

Das war für die Insulaner schwer machbar. Im Gegenzug hat uns der Zuspruch von außerhalb sehr geholfen. Jeder Anruf, jeder Brief, jede Email mit der Botschaft: „Wir sind da!“ hat auch mir persönlich viel Kraft gegeben. Das hatte ich so nicht erwartet, denn vielen Langeoog-Fans geht es coronabedingt ja selbst nicht so gut.

Liegt die sichere Zukunft des Handels im Online-Geschäft?

Sicher nicht, denn der Online-Handel steht in keinem Verhältnis zu den persönlichen Kundenbeziehungen. Wenn man ein Produkt auf Langeoog einkauft, ist der Mee(h)rwert enorm wichtig. Das ist die große Stärke des Gewerbes vor Ort. In der Corona-Situation appelliere ich an die Gäste, ihr Urlaubs-Budget um ein paar Euro anzuheben und auf Langeoog einzukaufen. Wir können uns kein Polster mehr anschaffen, das uns über den Winter bringt. Die reine Existenz ist das Ziel: Am Anfang standen wir am Abgrund, jetzt gehen wir über ein Drahtseil.

Auf welche Veränderungen muss sich der Kunde künftig einstellen?

Vertraute Firmen könnten pleite gehen und ihre Geschäfte schließen. Oder die Besitzer wechseln.

Durch die stufenweise erfolgten Lockerungen kommen jetzt immer mehr Menschen auf die Insel. Wie ist die momentane Situation auf Langeoog zu bewerten?

Um bei dem Drahtseil zu bleiben: Es wackelt momentan nicht zu sehr. Die Situation ist verhältnismäßig stabil. Dennoch ist ein Aufwärtstrend noch nicht in Sicht. Kunden und Gäste sind auf Langeoog sehr positiv gestimmt. Sie arrangieren sich mit der Situation, sehen die Notwendigkeit der Kontaktbeschränkungen und sind sehr diszipliniert. Eine gute Entscheidung ist, dass noch keine Tagesgäste auf die Insel kommen dürfen (Anm. d. Red.: Die Regelung galt zunächst bis zum 22. Juni). Das schafft Ruhe und Sicherheit. Wir haben damit den richtigen Rhythmus gefunden.

Noch sind Konsumenten zurückhaltend. Welche Anreize müssen jetzt getätigt werden – Stichwort: „Lange Einkaufsnacht“?

Die „Lange Einkaufsnacht“ ist in Coronazeiten nicht das, was sie bisher war. Es fehlen Gruppendynamik, Freude und Begeisterung. Das können wir aufgrund der strengen Auflagen momentan nicht liefern. Wir wären keine guten Gastgeber.

Sind weitere Termine oder ähnliche Aktionen in diesem Sommer geplant?

Im Sommer sind zwar keine klassischen Feste geplant, so wie wir sie gewohnt sind. Aber wir versuchen und überlegen, wie wir bestimmte Aktionen in der momentanen Corona-Situation irgendwie anders gestalten können. Wir als Gewerbetreibende schielen in jedem Fall schon mal auf den Herbst, um im November/Dezember doch noch Dynamik zu erzeugen.

Ist die befristete Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 16 Prozent und die Umsatzsteuersenkung von sieben auf fünf Prozent zum 1. Juli das richtige Instrument?

Das ist ein gutes Instrument, das uns in jedem Fall helfen wird. Es ist aber auch ein Monsteraufwand. Die finanzielle Entlastung wird wohl nur teilweise beim Endverbraucher ankommen. Doch dem Händler hilfts.

Wie haben Sie ganz persönlich die Corona-Krise erlebt?

Ich persönlich habe sehr viel Positives während des Shutdowns erlebt. Es war eine fantastische Zeit, wenn man das Geschäftliche ausblendet. Die Ruhe hat vor allem der Natur gut getan. Ich habe die Insel mit allen Sinnen erkundet, wie ich es bisher noch nie getan habe, und unendlich viele Tiere dabei entdeckt. Die waren enorm zutraulich. Und ich habe noch nie so viele braungebrannte Langeooger gesehen (lacht).

Was bedeutet Langeoog für Sie?

Meine Heimat – meine Wurzeln.

Was bedeutet soziales und ehrenamtliches Engagement für Sie?

Diese Aufgabe ist für eine funktionierende Gesellschaft enorm wichtig. Sie stärkt die Demokratie und das Miteinander im Dorf.

Wo engagieren Sie sich?

Überall dort, wo ich helfen kann. Umweltschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielen bei Ihnen eine große Rolle

.Wie setzen Sie das im Alltag um?

Diese drei Komponenten lasse ich überall dort, wo es geht, einfließen. Das geht nur langsam und in kleinen Schritten. So werden in der Buddelei ab 2021 keine Einkaufstüten mehr vergeben, sondern als „Leihtaschen“ gegen einen Obolus verliehen: Bei Rückgabe Geld zurück.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Teamgeist, Familie, Höflichkeit, Freundschaften pflegen und konsequent zu Werten stehen.

Wo würden Sie in diesem Jahr gerne Urlaub machen und welche Erwartungen müssten erfüllt sein?

Paddeln in Schweden und das völlig im Einklang mit der Natur. -reh-

Vielen Dank für das Gespräch!