Eine Werkstatt voller Geschichten

Kürschnermeister Els Sanders feierte 88. Geburtstag 

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, sang Udo Jürgens. Und mit 88 Jahren geht es unvermindert weiter, weiß Alt-Kürschnermeister Els Sanders zu berichten. Der gewitzte Langeooger, der seit 61 Jahren den Meister-Titel trägt, feierte seine „Schnapszahl“ Ende April – alkoholfrei und ahnungslos – mit der Familie im Lokal „In’t Dörp“. Dann kam die Überraschung: Der Shantychor „de Flinthörners“, zu dessen Mitbegründern Els Sanders zählt, enterte das Lokal und brachte dem verdutzten Jubilar ein „Happy Birthday“-Ständ-chen. Spontan spendierte das Geburtstagskind eine Runde Malzbier für alle. Mit „West-Zuid-West van Ameland“ und „Curaçao“ intonierte man noch gemeinsam zwei niederländische Stücke, die Els Sanders seinerzeit als Solist des Chores zum Besten gegeben hatte. Dabei bewies er noch immer eine Top-Stimmlage als Tenor, auch wenn sein Abschiedsauftritt vier Jahre zurücklag. Eingefädelt wurde die Geburtstags-überraschung von „Flinthörners“-Chef Raimund Buss, in Absprache mit Els’ Familie. Man kann wirklich niemandem mehr trauen … Beruflich hat der Kürschnermeister zwar schon lange abgemus­tert. Aber Segel flicken für den Eigenbedarf – das geht immer noch. „Dat mutt ok“, sagt Sanders. Seit Jahrzehnten ist der gebürtige Esenser in seiner Freizeit auf der Nordsee unterwegs. Beim Segeln hatte er seine Frau Hilke kennengelernt, eine Insulanerin. 1969 machte man sich auf Langeoog an der Barkhausenstraße selbstständig. In seiner „Pelzboutique“, wie sie ursprünglich hieß, bot Els Sanders vorwiegend Lederwaren, Pelze und Damenkonfektion an. Mit dem Umbau des Hauses in den 1970er-Jahren änderte sich das Sortiment: Die Pelze verschwanden, Hosen und maritime Kleidung von Elbsegler bis Fischerhemd bildeten einen neuen Schwerpunkt. 2003 schloss das ­Geschäft. Und Sanders hatte wieder mehr Zeit zum Segeln.

Noch immer …
fährt er mit seiner niederländischen Zeeschouw „Mien Problem“ raus: Seit 30 Jahren ist er Sommer für Sommer auf dem rüstigen Plattbodenschiff unterwegs. In den letzten Jahren bildeten Sohn Hajo und Enkel Jelle die bevorzugte Crew. 2019 soll es wieder gemeinsam auf Törn gehen: „Die beiden haben mir nach Ostern schwer geholfen, das Boot zu überholen.“ Jedes Frühjahr wird   „Mien Problem“ für die neue Saison flottgemacht, „mit    Anstrich und Reparaturen. Diesmal waren es viele Holzarbeiten.“ Das diesjährige Ziel steht noch nicht fest. „Sonst schipperten wir mal nach Bremen, mal in die Niederlande nach Groningen. Oder hier, Eintrag 7. Juli 2014: 16.15 Uhr Abfahrt Bensersiel, 22.30 Uhr Ankunft in Fedderwardersiel. Am 8. Juli Ruhetag gehabt, Deutschland – Brasilien 7:1“, blättert Els Sanders in seinem verwitterten Logbuch. Das hat er vor Jahrzehnten angelegt, damals noch für sein ers­tes Segelboot „Nordwind“. Auf ihm gönnte er sich 27-jährig, nach der Meisterprüfung 1958 vor der Handwerkskammer Lüneburg-Stade, eine Auszeit – und ging auf einen halbjährigen Törn von Amsterdam bis Kopenhagen. Weitere Fahrten führten bis Schweden: „Alles ohne Motor. War schön“, schwärmt er lakonisch von jungen Jahren. Angeschafft hatte er die „Nordwind“ 1952: „Sie war ein alter Marinekutter. Hatte Maschinengewehr­einschüsse.“ Die Reparatur und Renovierung, inklusive Kajüt­aufbau, dauerte zwei Jahre. Verewigt ist die „Nordwind“ an der Fotowand in Els’ Werkstatt. Die urige Arbeitskammer ist im Lauf der Zeit zu einem kleinen Museum geworden, mit Gegenständen voller Geschichten. Neben den Fotografien sind zahlreiche Erinnerungsstücke aufbewahrt: Meisterbrief und Ehrenurkunden, eine alte Ankerlaterne, eine uralte Pickelhaube, zwei Positionslampen, eine ausgemus­terte Krokodil-Galionsfigur und mancherlei mehr. Von der Decke hängt, als Strandfundstück, ein knorriger Eichenspanten aus ­einem Schiffsbauch. Drei bunte Statuen im Eckregal verweisen auf Fernsehruhm, den Els Sanders 1993 als Humorist erwarb – mit seinen „wahren Geschichten von Willm Willms ut Willmsfeld“ in der NDR-Sendung „Gaudimax“. Ob die Sammlung noch weiter wächst? Herr Sanders? „Mal sehen. Wir geh’n ja bald wieder auf Fahrt.“ Glückliche Reise! -köp-