Stapellauf“ an Bord

Rückblick der DGzRS: Letzter Besuch am Geburtsort ­– Anna Börgmann auf der „Hannes Glogner“

Als Seenotkreuzer der 23,3-Meter-Klasse war die „Hannes Glog­ner“ mit ihrem Tochterboot „Flinthörn“ von April 1991 bis Januar 2002 auf Langeoog im Einsatz. Anschließend diente sie als Reservekreuzer. Im Juli 2018 wurde sie ausgemustert und nach Südamerika verkauft. Zuvor gab es aber für eine frühere Langeoogerin ein Wiedersehen mit ihrem „schwimmenden Kreißsaal“. Die DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger) blickt in ihrem Jahrbuch 2019 zurück:
Maschinist Kai Hettmann schraubt das Foto des kleinen blonden Mädchens von der Wand und steckt den Teddy „Hannes“ ein. Noch einmal blickt er zurück, dann geht er von Bord – für immer. Die „Hannes Glogner“ hat nach 27 Jahren ihren Dienst bei der DGzRS beendet. Verkauft an die Marine Uruguays, ist mit ihr ein besonderes Stück Seenotretter-Historie nach Südamerika ausgewandert. Der Seenotrettungskreuzer rettete nicht nur ungezählte Leben – an Bord begann sogar ein Leben: Anna Börgmann, das Mädchen auf dem Foto in Kai Hettmanns Händen, hatte dort vor gut 25 Jahren ihren „Stapellauf“
Sie fahren bei stärkstem Orkan hinaus, um Menschen aus Seenot zu retten. Sie gefährden oft das eigene Leben, um anderen zu helfen – die Seenotretter. Und dann gibt es Tage in ihrem ­Leben, die im Logbuch einen ganz besonderen Platz einnehmen, die unvergessen bleiben.
Hafen Langeoog, 24. Juli 1993, kurz nach 19 Uhr. Während Seenotretter und Landrettungsdienst überlegen, ob die Hochschwangere am Anleger nicht doch besser mit einem Hubschrauber direkt in ein Krankenhaus am Festland geflogen wird, marschiert die 28-jährige Gabriele Börgmann entschlossen an Bord. Die Insulanerin ist bereits Mutter und spürt: Das Kind will geboren werden, jeden Moment. So erzählt es heute ihre Tochter Anna, die damals zur Welt kam.
Hausarzt und Rettungssanitäter, die die werdende Mutter im Rettungswagen zum Anleger gebracht haben, reisen mit zum Festlandhafen Bensersiel. Routine, die Seenot­retter machen das nicht zum ersten Mal. Doch in diesem Fall wird Maschinist Kai Hettmann, damals 33, ungefähr auf der Hälfte der Strecke unversehens zum Geburtshelfer. „Ich kam gerade aus der Maschine“, erinnert er sich, „plötzlich ging alles ratzfatz. Ich habe Anna rausgezogen.“

„Ne Deern!“

Ein Jahr zuvor ist er selbst zum ersten Mal Vater geworden. „Bei der Geburt meines Sohnes war ich nur ,dabei‘ und hatte es geschafft, nicht umzukippen“, erinnert er sich und schmunzelt. „Bei Anna war ich die Hebamme.“ Ein kräftiger Schrei übertönt das Brummen der 2.000 PS. „Wat is?“, ruft der Vormann. Kai Hettmann durchtrennt die Nabelschnur: „Ne Deern!“ Mutter und Tochter kommen ins Kreiskrankenhaus Wittmund. Vater und großer Bruder reisen später nach.
Im Logbuch der „Hannes Glogner“ ist verzeichnet: „Geburt eines gesunden Mädchens um 19.20 Uhr in Höhe der Fahrwassertonne A 16, Position 53 Grad 42,5 Minuten Nord/7 Grad 31,5 Minuten Ost, ca. 3 Seemeilen vor Bensersiel“.

Emotionaler Abschied
25 Jahre später verabschiedet sich Anna von „ihrem“ Seenotrettungskreuzer. Ein letztes Mal treffen sich im Juli 2018 die junge Frau und ihr Geburtshelfer an Bord der „Hannes Glogner“ – natürlich auf Langeoog. Es sind sehr emotionale Momente. „Mir ist es ganz und gar nicht egal, dass es die „Hannes Glogner“ bei der DGzRS jetzt nicht mehr gibt“, sagt Anna wehmütig.

Ihr ungewöhnlicher Geburtsort ist für Anna seit jeher ein nahezu einmaliger Bezug zu den Seenotrettern. Ihre Mutter besucht mit ihr im Kinderwagen regelmäßig das Schiff im Hafen von Langeoog. Kai Hettmann wird Annas Patenonkel. Als die Mutter zwei Jahre nach Annas Geburt mit den Kindern ans Festland zieht, bleibt der Kontakt bestehen. Besucht Anna ihren Vater auf Langeoog, schaut sie oft auch bei den Seenotrettern vorbei.
2001 verlässt die „Hannes Glogner“ die Insel. Von nun an reist sie als Rettungseinheit ohne feste Station an die Orte, an denen sie gebraucht wird – etwa, um andere Schiffe während einer Werftzeit zu vertreten. Anna und ihr Patenonkel verlieren sich dennoch nicht aus den Augen. Kai Hettmann bleibt seinem Schiff treu. Bis heute telefonieren und schreiben sich die beiden regelmäßig. „Ich bin für Anna da, wenn sie mal ’ne starke Schulter braucht“, sagt der inzwischen weißhaarige Seebär und Vater dreier erwachsener Kinder.

Eine ganz besondere Verbindung

Anna ist stolz auf ihre Verbindung zu den Rettern. Sie durfte auch schon mal in den roten Seenotretter-Overall mit SAR-Schriftzug steigen. „Darin fühle ich mich ziemlich cool“, sagt sie und lacht. Tatsächlich spielte sie mit dem Gedanken, selbst Seenotretterin zu werden. Doch zurzeit lebt sie lieber mit ihrem Partner auf dem Festland in Ochtersum und arbeitet in der Gas­tronomie.
Die „Hannes Glogner“ macht sich im Herbst 2018 gemeinsam mit der gut vier Meter längeren „Hermann Helms“ auf den Weg nach Uruguay. Weit weg ist sie nun in einem neuen Revier im Einsatz. Immerhin: Es gibt sie noch. Kai Hettmann ist dennoch wehmütig. „Vielleicht besuche ich sie einmal in Südamerika.“
Das Maskottchen des Seenotrettungskreuzers, den Teddy „Hannes“, hat Anna bekommen. Und auch das Foto aus ihren Kindertagen, das rund 20 Jahre lang in der Messe der „Hannes Glog­ner“ an die Wand geschraubt war und Besuchern verkündete: „Sie hatte hier Stapellauf.“ -DGzRS-